Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
So hatte Goethe bei allen Leiden, die ihn als eine eigenartige und zugleich sehr zarte Persönlichkeit trafen, in seiner ziemlich freien Stellung und in der dadurch gegebenen Möglichkeit freier, persönlicher Arbeit eine unversiegliche Quelle des Glücks. Besonders mußte ihn auch sein beständiges Lernen erheitern, denn das Lernen ist, was im Zeitalter der Zwangsschulen nicht Jedermann weiß, eine Ursache des Wohlbefindens und muß es sein, da es eine Ausdehnung und Bereicherung unserer Persönlichkeit, ein inneres Besitzergreifen der Welt bedeutet. „Das einzige reine Glück“, lehrt Schopenhauer,
welchem weder Leiden, noch Bedürfnis vorhergeht, noch auch Reue, Leiden, Leere, Überdruß notwendig folgt, ist das reine willensfreie Erkennen (die ästhetische Kontemplation) ...
Quellen des Glücks
In der Kindheit verhalten wir uns viel mehr erkennend als wollend. Gerade hierauf beruht jene Glückseligkeit des ersten Viertels unseres Lebens, infolge welcher es nachher wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig Anregung des Willens; der größere Teil unseres Wesens geht demnach im Erkennen auf, und zwar in dem Erkennen, das im stillen an den individuellen Dingen und Vorgängen die Grundtypen, die Ideen, das Wesen des Lebens selbst aufzufassen beschäftigt ist. Hieraus entspringt die Poesie und Seligkeit der Kinderjahre.
Der geniale Mensch ist dem Kinde verwandt – Goethe ist bei Lebzeiten oft ein großes Kind genannt worden – und bedarf nicht erst der Mahnung: „So ihr nicht werdet wie die Kinder ...“ „Der gewöhnliche Mensch“ sagt wiederum Schopenhauer,
diese Fabrikware der Natur ist einer völlig uninteressierten Betrachtung der Dinge, welches die eigentliche Beschaulichkeit ist, nicht – wenigstens nicht anhaltend – fähig. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Dinge nur insofern, als sie irgend eine, wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen Willen haben. Der Geniale dagegen verweilt bei der Betrachtung des Lebens selbst, strebt, die Idee jedes Dinges zu erfassen, nicht dessen Relationen zu andern Dingen und zum Willen. Während dem gewöhnlichen Menschen sein Erkenntnisvermögen die Laterne ist, die seinen Weg beleuchtet, ist es dem Genialen die Sonne, welche die Welt offenbar macht ...
Der Normalmensch ist gänzlich auf das Sein verwiesen, das Genie hingegen lebt und webt im Erkennen. Daraus folgt, da alle Dinge herrlich zu sehen, aber schrecklich zu sein, daß auf dem Leben der gewöhnlichen Leute ein dumpfer, trüber, einförmiger Ernst liegt, während auf der Stirn des Genies eine Heiterkeit eigener Art glänzt.
Schopenhauer hatte bei diesen Ausführungen Goethe, den er persönlich kannte, im Auge. Und der Kanzler v. Müller, der die Erlebnisse des alten Goethe am nächsten sah, sagt geradezu, daß er jedes Unglück durch das Erkennen zu überwinden trachtete.