Denn ihm war es Bedürfnis, von jedem noch so heterogenen Zustande einen deutlichen Begriff zu gewinnen, und die unglaubliche Fertigkeit, mit der er jedes Ereignis, jeden persönlichen Zustand in einen Begriff zu verwandeln wußte, ist wohl als das Hauptfundament seiner praktischen Lebensweisheit anzusehen, hat sicher am meisten beigetragen, ihn, den von Natur so Leidenschaftlichen, so leicht und tief Erregbaren, unter allen Katastrophen des Geschicks im ruhigen Gleichgewicht zu erhalten. Indem er stets das geschehene Einzelne sofort an einen höheren allgemeinen Gesichtspunkt knüpfte, in irgend eine erschöpfende Formel aufzulösen suchte, streifte er ihm das Befremdliche oder persönlich Verletzende ab und vermochte nun, es in der Form naturmäßiger Gesetzlichkeit ruhig zu betrachten, ja als ein Geschichtliches, gleichsam nur zur Erweiterung seiner Begriffe Erscheinendes, zu neutralisieren. Wie oft hörte ich ihn äußern: „Das mag nun werden, wie es will, den Begriff davon habe ich weg; es ist ein wunderlicher komplizierter Zustand, aber er ist mir doch völlig klar.“ So gewöhnte er sich denn immer mehr, Alles, was im nähern und weitern Kreise um ihn vorging, als Symbol, ja sich selbst nur als geschichtliche Person zu betrachten, ohne darum an liebevoll persönlicher Teilnahme für Freunde und Gleichgesinnte abzunehmen.
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Erkennen und arbeiten
Im Jahre 1817 rühmte Knebel seinen alten Freund gegen Frau v. Schiller mit diesen Worten:
Er hat sich ein Reich der Kenntnisse und Wissenschaften erschaffen, worin er sich immer zu beschäftigen weiß, und seine fast unerschöpfliche Produktivität sichert seinen Geist vor äußern Anfällen des Schicksals.
Damals war Goethe durch den Tod seiner Frau einsamer geworden und hatte auch noch die etwas gewaltsame Trennung vom Theater zu verwinden. Nach dem allerletzten Schlage, der ihn traf, nach Augusts Tode oder Untergange, schrieb Goethe selber:
In solchen Epochen fühl’ ich erst recht den Wert eines allgemeinen Wissens, verbunden mit einer besonderen Teilnahme an dem Guten und Schönen, das die unendlich mannigfaltige Welterscheinung uns darbietet.
Damit meinte er kein untätiges Betrachten. Vielmehr war angestrengtes Arbeiten ein Hausmittel Goethes, um über schmerzliche Erlebnisse hinwegzukommen. Besonders nach dem Tode eines Nahestehenden fragte er, „was uns zu erhalten und zu leisten übrig bleibt.“ „Das Außenbleiben meines Sohnes“ schreibt er an Zelter, als August an der Pyramide des Cestius begraben war,
das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich, auf mehr als eine Weise, sehr heftig und widerwärtig; ich griff daher zu einer Arbeit, die mich ganz absorbieren sollte. Der vierte Band meines ‚Lebens‘ lag, über zehn Jahre, in Schematen und teilweiser Ausführung, ruhig aufbewahrt, ohne daß ich gewagt hätte, die Arbeit wieder vorzunehmen. Nun griff ich sie mit Gewalt an, und es gelang so weit, daß der Band gedruckt werden könnte ... Plötzlich riß ein Gefäß in der Lunge, und der Blutauswurf war so stark, daß, wäre nicht gleich und kunstgemäße Hilfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ultima linea rerum sich würde hingezogen haben.
Aber auch in gewöhnlichen Zeiten nutzte Goethe das Arbeiten und Lernen als Mittel zum Wohlbefinden aus. „Vielleicht waren die Marienbader Zeiten [die Sommer 1820-22] die glücklichsten des goethischen Alters“ urteilt ein guter Kenner[37], und bezeichnend ist, daß dieser Kenner in der begründenden Fortsetzung lauter Lerngelegenheiten aufführt.