Auf der Hin- und Rückreise hielt er sich immer länger im alten historischen Eger auf. Auf seinen mineralogischen Fahrten durchquerte er neue Strecken des Landes. Einzelne Ausflüge führten u. a. nach Franzensbad, Liebenstein, Dölitz, Hartenberg, Falkenau, Seeberg, Schönberg, Waldsassen, Redwitz, Elbogen. Seine meteorologischen Studien fanden Förderung im Stifte Tepl. Alle sozialen und nationalökonomischen Einrichtungen studiert er; er läßt sich im Erzgebirge das neu eingeführte Spitzenklöppeln zeigen, beobachtet die Glasfabrikation, interessiert sich für Schleifsteine, für Maschinen zum Zügeln der Ochsen, für böhmische Pflüge; er wohnt dem Unterricht und der Prämienverteilung im Gymnasium zu Eger bei, sieht Schulbücher und Chrestomathien durch, läßt sich über den Geist wie über Einzelheiten der Verwaltung und Regierung aufklären; alles Altertümliche und Eigenständige fällt ihm auf, z. B. die Organisation der künischen Freibauern im Südwesten von Pilsen, die eine Art von Selbstregiment führen.

Man sieht Goethe in seinen Eigentümlichkeiten nie deutlicher, als wenn man seinen Bericht über die Kampagne in Frankreich liest. Der König von Preußen, der Herzog von Braunschweig, sein eigener Herzog, alle die Offiziere und Soldaten um ihn herum kämpfen mit den Franzosen und mit den noch gefährlicheren Unbilden eines unaufhörlichen Regenwetters. Goethe befindet sich mitten in diesem Kampf und Erleiden, aber sein Geist richtet sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Eine weiße Topfscherbe, die in eine Quelle geworfen war und nun aus der Tiefe herauf die schönsten Farben zeigt, beschäftigt ihn tagelang, wochenlang. Als Verdun bombardiert wird, geht er abends mit einem Fürsten von Reuß hinter den Weinbergsmauern, die sie vor den Kugeln der Belagerten schützen, auf und ab; der Fürst fragt nach des Dichters letzten Arbeiten, und Goethe spricht stundenlang von der weißen Scherbe und von seinen sonstigen optischen Studien. Sie reden die Nacht hindurch, denn der Fürst wird von Goethes Ausführungen ergriffen; sie wärmen sich bei einbrechendem Morgen an einem Biwakfeuer der Österreicher und reden weiter über die Wunder der Natur. Und als Goethe vierzehn Tage später immer noch mit den Kriegsgenossen dem ärgsten Regen und tausend Unbequemlichkeiten ausgesetzt war, dachte er auch immer noch an seine Quelle und die Blau- und Violettfarben der Scherbe.

Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die Zeltdecke gewährte wenig Schutz. Glückselig aber Der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte! Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel (des Herzogs Schreiber) in’s gebrochene Konzept und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitze ich noch mit allen Merkmalen des Regenwetters.

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Die Scherbe im Wasser

Alle Übel haben ein anderes Gesicht, je nachdem wir uns zu Zeit und Ewigkeit, zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verhalten. Goethe rät uns Zweierlei, was sich nicht sogleich zusammenreimen will: Lebe im Augenblick! Lebe in der Ewigkeit! Eine Brücke zwischen beiden Begriffen schlägt er, wenn er Eckermann zuruft: „Halten Sie immer an der Gegenwart fest! Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“ Räumlich drückte er denselben Gedanken gern durch lateinische Sprichwörter aus: „Hic est aut nusquam quod quaerimus“, „Hic Rhodus, hic salta!“ Verdeutscht und verzeitlicht im ‚Wilhelm Meister‘: „Hier oder nirgends ist Amerika!“

Er warnt also vor jeder Beschädigung und Geringschätzung der Gegenwart durch die Vergangenheit oder durch die Zukunft und will Ähnliches sagen wie Christi Mahnungen: „Laßt die Toten ihre Toten begraben! Sorget nicht für den anderen Morgen!“ Weil die Menschen die Gegenwart nicht zu würdigen, zu beleben wüßten, schmachteten sie so nach einer besseren Zukunft, kokettierten sie so mit der Vergangenheit, sagte er zum Kanzler, als von romantischen und sentimentalen Gedichten, von Proben der ihm verhaßten „Lazarettpoesie“ die Rede war. Demselben Freunde riet er, sich nicht durch Reue und schmerzliche Rückblicke die Stunde zu verderben:

Keine Rekriminationen, keine Vorwürfe über Vergangenes, nun doch nicht zu Änderndes! Jeder Tag bestehe für sich! Wie kann man leben, wenn man nicht jeden Abend sich und Andern ein Absolutorium erteilt!

Ein Mann nach Goethes Sinn mußte nach jedem Unfall sofort wieder auf den Beinen stehen. Karl August war nach seinem Sinn:

Wenn Etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte oft, wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte, allein er ignorierte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging immer sogleich wieder auf etwas Neues los.