Mit Vergnügen erzählte er auch vom Salinendirektor Glenck in Stotternheim, dem in seinem Schacht ein sehr kostspieliges Mißgeschick passiert war, der jedoch in seinem Bericht keinen andern Gedanken hinzufügte, als: „Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.“ „Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat!“ rief Goethe aus.

Gegenwartsmenschen

Sich selber schildert Goethe als einen Gegenwartsmenschen etwas anderer Art. Er mochte sich seine eigene Vergangenheit nicht wieder lebendig machen (außer wo sie schon so weit von ihm entfernt lag, daß er sie kühl-geschichtlich, als Etwas, was ihn wenig anging, betrachten konnte). Er mochte seine Dichtungen nicht gern wieder lesen; selbst seine ‚Iphigenie‘ von 1786 war ihm 1793 lästig, als die Freunde in Düsseldorf sie hören wollten. Er wünschte nur Das vorzutragen, was ihm jetzt gerade gemäß war: Naturwissenschaftliches am liebsten. Er erzählt, daß er durch diese Eigenheit in Jacobis Hause, wo man in ihm den früheren Freund wieder genießen wollte, in ein Mißverhältnis kam; denn er konnte und wollte nicht „ganz der Alte“ sein und machte sich um seine günstige Erscheinung und Wirkung keine Gedanken.

Wie ich überhaupt ziemlich unbewußt lebte und mich von Tag zum Tage führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht übel befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nächst zu erwartende Person, noch eine irgend zu betretende Stelle vorauszudenken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß: man braucht von einer vorgefaßten Idee nicht wieder zurückzukommen, nicht ein selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und mit Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen. Der Nachteil mag dagegen wohl hervortreten, daß wir mit Unbewußtsein in wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreife zu finden wissen. In eben dem Sinne war ich auch nie aufmerksam, was meine persönliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke.

Hier erscheint uns sein Im-Augenblick-Leben als etwas Unfreiwilliges; aber auch der Ausruf: „Ich will nicht hoffen und fürchten wie ein gemeiner Philister“ kennzeichnet ihn. In den schwersten Zeiten machte er es sich zur Regel, nicht vor und zurück, sondern auf den Tag zu schauen, nur dem gegenwärtigen Tage zu leben. Und auf die Frage: „Was ist deine Pflicht?“ antwortet er: „Die Forderung des Tages.“

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Leben in großen Zeiträumen

Aber wir wissen schon, daß er nicht mit kleinen Tagesdingen den Tag ausfüllte, nicht mit Tageblattlesen, mit Tagesklatsch-Anhören, mit Teilnahme an politischem Tagesstreit. Als im Juli 1830 in Paris die Revolution ausgebrochen war, sagte Goethe zu Soret: „Nun, was denken Sie von dieser großen Geschichte? Alles steht in Brand! Es verläuft nicht mehr bei geschlossenen Türen! Der Vulkan kommt zum Ausbruch!“ Soret stimmte ein: „Die Lage ist entsetzlich! Eine so erbärmliche Familie, die sich auf ein ebenso erbärmliches Ministerium stützt, gibt wenig Hoffnung. Man wird sie schließlich fortjagen.“ Da guckt Goethe den Gast ganz verwundert an und ruft aus: „Aber ich rede ja nicht von dieser Gesellschaft! Was liegt mir denn daran! Es handelt sich um den großen Streit zwischen Cuvier und Geoffroi.“ Darauf also hatte Goethe während der Juli-Revolution geachtet, und er hatte recht: denn in diesem Streit handelte es sich wirklich um etwas Großes: um die Entwicklungslehre, und Das war Etwas, woran Goethe viele Jahre mitgearbeitet hatte, was ihn wirklich mehr anging als das jeweilige Bild auf dem politischen Theater der Pariser.

Wissenschaft und Kunst reichten ihm dauernde Güter; lesend und beschauend konnte er sich mit den besten Vorfahren, schreibend mit den besten Künftigen unterhalten.

Wie es die Welt jetzt treibt, muß man sich immerfort sagen und wiederholen: daß es tüchtige Menschen gegeben hat und geben wird, und Solchen muß man ein schriftliches gutes Wort gönnen und auf dem Papier hinterlassen ...