so spricht der Graf in der ‚Natürlichen Tochter‘, und der König antwortet ihm:
O laß den Menschen diesen edeln Stolz!
Gar Vieles kann, gar Vieles muß geschehen,
Was man mit Worten nicht bekennen darf.
Als nach der Schlacht bei Jena und der Plünderung von Weimar tausend Leute auch ihm ihre persönlichen Nöte und Verluste gern in höchsten Tönen schildern wollten, fanden sie bei Goethe nicht immer das gewünschte Echo. „Daß jeder Narr jetzt seine eigene Geschichte hat, Das eben ist keine der geringsten Plagen der jetzigen bösen Zeit.“ Aber viel ärgerlicher war er, wenn Andere das wirkliche Übel noch durch Hinzudichten eingebildeter Übel vermehrten und von einem Zusammenbruch alter deutscher Herrlichkeit sprachen, die gar nicht vorhanden gewesen war.
Goethes einsichtigste Freunde verstanden sein Schweigen nach großen Verlusten, z. B. nach dem Tode Schillers. Der Dresdner Kunstkenner Johann Gottlob v. Quandt, der das Unglück hatte, beide Beine zu brechen, rühmt geradezu, daß Goethe in seinen Briefen an ihn in „richtigem Takt“ dieses Unglücks nicht erwähnte:
Ich litt an der unzweckmäßigen chirurgischen Behandlung drei Jahre unaussprechlich. Jedesmal hatte ich einen Kampf zu bestehen, wenn mich Jemand bedauerte, denn das vergebliche Mitleid weckt nur besiegte Schmerzen. Selbst das Mitleid, welches ein Freund fühlt, kann den Unglücklichen nicht freuen, denn es ist das Leiden des Andern, was uns doch kein Vergnügen machen kann. Das wußte Goethe sehr wohl. Einer Weimaranerin, die mich in Dresden besucht hatte und ihm meinen Zustand ausführlich beschreiben wollte, fiel er in’s Wort: „Verderben Sie meine Phantasie nicht! Quandt steht in seiner vollen Kraft und Tätigkeit vor mir.“ Unsere Freundin teilte mir diese Äußerung schriftlich mit, die mich erfreute, denn ich erkannte daraus, daß in Goethe ein Bild von mir stand, das ihm lieb war.
Wo des Unglücks oder des Verdrießlichen durchaus gedacht werden mußte, suchte Goethe nach den mildesten Ausdrücken, dämpfte alles Schmerzhafte, hob das Erfreuliche hervor. Wir haben allemal, wenn wir von Not und Tod sprechen, einen großen Vorrat von Haupt- und Eigenschaftswörtern zur Auswahl, und an denen, die wir wählen, zeigen wir, wie es mit unserer Philosophie und unserem Herzen bestellt ist. Goethe war fast ein Schönfärber, wenn er über vergangene, unabänderliche Dinge berichten mußte[38]; Niemand sonst wird dem Herzog Karl August die Zerstörungen in Weimar nach der Schlacht bei Jena so gering dargestellt haben wie er; Niemand auch wird dem Fürsten den Glauben, daß sich alles Beschädigte bald besser wiederherstellen lasse, so sehr gestärkt haben. –
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Kleinkriegen des Unglücks