Dieses Streben, in großen Zeiträumen zu leben und gegenwärtiges oder jüngstvergangenes Übel zu vergessen oder doch eher zu verkleinern als zu vergrößern, hat eine gewisse Beharrlichkeit und Tapferkeit zur Folge. Unruhig-ängstliche Zeiten können nur vergehen, wenn möglichst viele Menschen ihre gewöhnlichen Geschäfte so besorgen, wie wenn nichts passiert wäre,
Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,
Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter,
Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, Der bildet die Welt sich.
„Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit“ pries Goethe seiner Gattin als das Einzige an, was leidlich durch’s Leben helfe. Und seinem unglücklichen Sohne schrieb der Achtzigjährige nach Italien: „Wer sich in die Welt fügt, wird finden, daß sie sich gern in ihn finden mag; wer Dieses nicht empfindet oder lernt, wird nie zu irgend einer Zufriedenheit gelangen.“
Ausdauer an dem Orte, wo sie einmal seien, rät er auch den Freunden an. „Ihr werdet vordringen durch’s Bleiben“ ruft er Kestnern zu. „Wer seinen Zustand verändert, verliert immer die Reise- und Einrichtekosten, moralisch und ökonomisch, und setzt sich zurück.“ Und ebenso an Herder:
Die zehn weimarischen Jahre sind Dir nicht verloren, wenn Du bleibst; wohl wenn Du änderst. Denn Du mußt am neuen Ort doch wieder von vorne anfangen und wieder wirken und leiden, bis Du Dir einen Wirkungskreis bildest. Ich weiß, daß bei uns Viel, wie überhaupt, auch Dir unangenehm ist; indessen hast Du doch einen gewissen Fuß- und Standort ... Es kommt doch am Ende darauf an, daß man aushält und die Andern überdauert.
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Ruhe, Beharrlichkeit, Gottvertrauen
Schließlich fand Goethe im Glauben eine starke Hülfe zum Leben, zum Ertragen der tausendfältigen Not und Pein. Er war kein Rechtgläubiger im Sinne der einen oder andern Kirche, aber er glaubte an die Fortdauer der Persönlichkeiten nach der Auflösung ihrer irdischen Leiber, besonders an ein weiteres Wachsen und Wirken der hier schon als stark bewährten Geister, und er glaubte an Gott.