Menschen von feinem Gefühl sagten sich Das selber, daß Goethe an seiner eigenen geistigen Arbeit genug habe, und gerade durch ihre Zurückhaltung fanden sie dann vielleicht Zugang. Im Herbst 1815 traf Goethe in Heidelberg in der Bildersammlung des gemeinsamen Freundes Boisserée zwei von den drei berühmten Brüdern Grimm: Wilhelm und Ludwig. „Hat denn Goethe nicht von den ‚Märchen‘ gewußt?“ fragte nach Wilhelms erstem Berichte Jakob, „hast Du ihm nicht den ‚Armen Heinrich‘ gegeben?“ Und Wilhelm erwiderte:
Goethe habe ich weder den ‚Armen Heinrich‘ gegeben, noch von den ‚Märchen‘ etwas Näheres gesagt. Da er sich wohl bewußt sein mag, wie leicht er an Etwas teilnimmt, so hat er eine eigene wunderliche Scheu – man kann sagen: Ängstlichkeit – daß ihm ja Nichts zu nahe rückt, und er weicht gewiß aus und setzt sich eiskalt hin, wenn man von Etwas mit Lebhaftigkeit und Eifer spricht, das er noch nicht kennt ... Ich habe ihm daher kein Wort von der altdeutschen Poesie gesagt, bis er in Heidelberg von selbst zu mir kam und mich fragte, mit welcher literarischen Arbeit wir uns jetzt beschäftigen ..... Der Louis hat es aus natürlichem Gefühl ebenso gemacht, und zu Dem ist er auch gekommen, hat ihn über die Rheinreise gefragt u. dgl., recht liebreich.
Plagegeister
Auch noch in hohem Alter verriet Goethe die Verlegenheit und Unbeholfenheit, wenn er mit Fremden – ehrlichen Bewunderern, Schmeichlern, Ausforschern oder was sie sonst sein mochten – zu tun hatte. Der junge Holtei, der als Rezitator herumreiste, sah es ihm an, als der Greis zur erbetenen Audienz in das Zimmer trat. „Ja, bei Gott, Goethe zeigte sich verlegen vor mir! War er’s doch vor jedem Unbekannten, der sich ihm aufdrang! Hab’ ich’s doch später aus seinem eigenen Munde vernommen, wie peinlich solche unvermeidliche, vom Weltruhm unzertrennliche Scenen ihm gewesen sind!“
Bewundernswert ist aber doch, daß er so viele, so unbedeutende Menschen annahm, und oft erscheint er uns merkwürdig gutmütig. Einmal auf der Dornburg meldete ihm, dem Achtzigjährigen, der Gärtner: drei Studenten seien draußen. Aber Goethe mochte nicht gestört sein: „Ich weiß nicht, was die jungen Leute immer von mir wollen.“ Der Gärtner verriet durch seine traurige Miene, daß er den Studenten Hoffnung auf gute Aufnahme gemacht hatte. „Nun, wenn es Ihnen lieb ist, lassen Sie sie immer herein!“ Und er entzückte die Jünglinge so, daß sie nachher auf sein Wohl einige Flaschen Wein begeistert leerten.
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Bewundernde Frauen
Gegen Plagegeister, die ihm seine Pläne durchkreuzten und die Zeit verdarben, konnte er recht deutlich sein, selbst wenn es Damen waren. Freilich wurde er gerade von weiblicher Bewunderungssucht arg belästigt.
Der Maler Wilhelm v. Kügelgen hat in seinen ‚Erinnerungen eines alten Mannes‘ eine drollige Geschichte erzählt. Es war in Dresden am 24. April 1813. Goethe trat bei seiner Mutter ein und bat sie, von ihrem Fenster aus den Einzug des russischen Kaisers und des preußischen Königs, ohne sie zu stören, ansehn zu dürfen. Frau v. Kügelgen verstand, daß er ungestört sein wolle, und so vermied sie es, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, während er mit Behagen am Fenster stand, nach seiner Art die Hände auf dem Rücken. Sie wußte, wie sehr ihn die schöngeistigen Damen sonst bedrängten, und schwieg deshalb. Da fing Goethe mit ihr und ihrem kleinen Knaben von selber freundlich zu plaudern an. Lassen wir diesen Knaben als alten Mann weitererzählen:
Indem ward heftig an der Klingel gerissen. Ich sprang fort, um die Tür zu öffnen, und herein drang eine unbekannte Dame, groß und stattlich wie ein Kachelofen und nicht weniger erhitzt. Mit Hast rief sie mich an: „Ist Goethe hier?“ – „Goethe!“ Das war kurz und gut! Die Fremde gab ihm gegen mich, den fremden Knaben, weiter kein Epitheton; und kaum hatte ich Zeit, mein einfaches Ja herauszubringen, als sie auch schon, mich fast übersegelnd, unangemeldet und ohne üblichen Salutschuß wie ein majestätischer Dreidecker in dem Zimmer meiner Mutter einlief. Mit offenen Armen auf ihren Götzen zuschreitend, rief sie: „Goethe! ach Goethe! wie habe ich Sie gesucht! Und war denn Das recht, mich so in Angst zu setzen!“ Sie überschüttete ihn nun mit Freudenbezeugungen und Vorwürfen.