Unterdessen hatte sich der Dichter langsam umgewendet. Alles Wohlwollen war aus seinem Gesichte verschwunden, und er sah düster und verstimmt aus wie eine Rolandssäule. Auf meine Mutter zeigend, sagte er in sehr prägnanter Weise: „Da ist auch Frau v. Kügelgen!“ Die Dame machte eine leichte Verbeugung, wandte dann aber ihrem Freunde, dessen üble Laune sie nicht bemerkte, ihre Breitseiten wieder zu und gab ihm eine volle Ladung nach der andern von Freudenbezeugungen, daß sie ihn glücklich geentert, beteuernd, sie werde sich diesen Morgen nicht wieder von ihm lösen. Jener war in sichtliches Mißbehagen versetzt. – – Er knöpfte seinen Oberrock bis an’s Kinn zu, und da mein Vater eintrat und die Aufmerksamkeit der Dame, die ihn kannte, für einen Augenblick in Anspruch nahm, war Goethe fort.
Noch komischer ist, was die Frau Dutitre, eine Berliner Berühmtheit, manches Mal mit Stolz erzählte.
Ick hatte mir vorjenommen, den jroßen Joethe doch ooch mal zu besuchen, und wie ick mal durch Weimar fuhr, jing ick nach seinem Jarten und jab dem Järtner einen harten Taler, daß er mir in eine Laube verstechen und einen Wink geben sollte, wenn Joethe käme. Und wie er nun die Allee runter kam und der Järtner mir gewunken hatte, da trat ick raus und sagte: „Anjebeteter Mann!“
Da stand er stille, legte die Hände auf den Rücken, sah mir jroß an und fragte: „Kennen Sie mir?“
Ick sagte: „Jroßer Mann, wer sollte Ihnen nicht kennen!“ und fing an zu deklamieren:
„Fest jemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm jebrannt.“
Darauf machte er mir einen Bückling, drehte sich um und jing weiter. So hatte ick denn meinen Willen jehabt und den jroßen Joethe jesehn.
Kaum besser ward zu Heidelberg im Sommer 1814 der Geheime Kirchenrat Schwarz bedient, der als Verfasser eines bekannten pädagogischen Werkes, als Schwiegersohn Jung-Stillings und als Würdenträger sich für berechtigt hielt, Goethes Gesetze zu durchbrechen. Goethe ging morgens ganz früh auf privaten Wegen zur Schloßruine, um den schönen Blick allein und ungestört zu genießen; als er eines Tages zu seinem geliebten Platze kam, saß dort Schwarz, und Dieser redete ihn auch sogleich an: er preise sich glücklich, ihn zu sehen und ihn fragen zu können, was er denn eigentlich mit dem ‚Wilhelm Meister‘ beabsichtigt habe; er habe ihn gewiß für ein Erziehungsinstitut geschrieben. Goethe sah ihn mit seinen großen Augen an: „Ja, Das habe ich bisher selbst nicht gewußt, doch nun leuchtet es mir vollkommen ein. Ja, ja, ich habe den ‚Wilhelm Meister‘ für ein Erziehungsinstitut geschrieben und bitte Sie, Dies ja überall in der Welt bekannt zu machen.“
Für Leute, die seine Unterhaltung suchten, um darüber in Zeitschriften und Büchern berichten und ihre Glossen machen zu können, war er nicht zu Hause. Ein politischer Abenteurer, Witt v. Döring, hielt sich 1828 in Weimar auf, ein Demagoge und Intrigant, der trotz seiner Jugend schon viel erlebt und auch alle seine Erlebnisse bereits in Memoiren bekanntgemacht hatte. Goethe nahm seinen Besuch an, um den Menschen kennen zu lernen; als Witt aber beim Weggehen um die Erlaubnis bat, wiederkommen zu dürfen, erwiderte ihm Goethe mit Nachdruck: „Nein, mein Herr! Das ist das erste und letzte Mal! Sie sagen selber in Ihrem Buche, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind, und beweisen es durch Ihre indiskreten Mitteilungen über die Personen, die Sie kennen gelernt haben. Erlauben Sie mir, daß ich mich einer solchen Behandlung nicht aussetze.“