Die Schwäche, welche nichts abzuschlagen vermag, kannte er nicht. „Ich halte es doch länger aus,“ meinte er, „die Leute anzuhören, als sie, mich zu drängen, Merken sie nur erst, daß sie einem auf solche Weise etwas abzwingen können, so ist man ewig belagert.“

Wem aber Goethe trotz alledem zu hart und kalt erscheint, Der möge lesen, was er 1809 zu Riemer äußerte: „Nur der am empfindlichsten gewesen ist, kann der Kälteste und Härteste werden; denn er muß sich mit einem harten Panzer umgeben, um sich vor den unsanften Berührungen zu sichern. Und oft wird ihm selber dieser Panzer zur Last!“ Goethe glich hierin seinem Vater, „der, weil er innerlich ein sehr zartes Gemüt hegte, äußerlich mit unglaublicher Konsequenz eine eherne Strenge vorbildete.“ Und der Sohn hätte wegen dieser Weichheit manchmal gern dem Vater nachgeahmt, den er „nach so viel Studien, Bemühungen, Reisen und mannigfaltiger Bildung endlich zwischen seinen Brandmauern ein einsames Leben führen“ sah. Aber am Vater hatte er auch die Unzuträglichkeit solcher Absonderung beobachtet, denn der Vater war ein grämlicher, grilliger, geiziger alter Mann geworden, der sich selber, seiner so gern fröhlichen Frau und allen Übrigen zur Last wurde. Der Sohn entschloß sich besser zu einer weisen Abwechslung von Einsamkeit und Geselligkeit. Ganz wolle er der fremden Welt nicht entraten, schrieb er an Zelter, „denn wenn ich gleich meine Zugbrücken aufziehe und meine Fortifikationen immer weiter hinausschiebe, so muß man doch zuweilen auch wieder Kundschaft einziehen.“


V.
Fürsten und Vornehme.

Verhältnisse zu Fürsten

Die Tadler Goethes berichten, daß er gegen Fürstlichkeiten zu devot, daß er ein Fürstenknecht gewesen sei. Es war Vielen nicht recht, daß der Dichter des „revolutionären“ Götz über fünfzig Jahre einem Fürsten diente und als Hofmann das höfische Zeremoniell getreulich mitmachte. Als im Beginn der französischen Revolution auch in Deutschland Viele, und nicht die Schlechtesten, eine gründliche Zerstörung des Alten und einen herrlichen neuen Aufbau erhofften, da war es ihnen verdrießlich, daß Goethe nicht mit ihnen ging daß er vielmehr seinen Herzog in den Krieg gegen die Franzosen wie zu einem Vergnügen begleitete und auch nachher die Freiheitsapostel verspottete. Und als nach der endlichen Niederwerfung Napoleons die Frei- und Deutschgesinnten einen sehr schwierigen und gefährlichen Kampf gegen die Zwingherren-Gelüste der Fürsten und Minister führten, da schmerzte es dies jüngere Geschlecht, daß der geistige König Deutschlands kühl abseits stand. Aber Goethe war nun einmal nicht umstürzlerisch oder auch nur demokratisch gesinnt; er glaubte nicht an Verfassungen, Preßfreiheit und Mehrheitsweisheit; er war durchaus Aristokrat und Monarchist. Und was seine Ministertätigkeit angeht, so konnte er mit Recht fragen: „Diene ich denn etwa einem Tyrannen? einem Despoten? Diene ich etwa einem Solchen, der auf Kosten des Volkes seinen eigenen Lüsten lebt? Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns!“

Ob der heutige Betrachter Goethes politische Ansichten teilt oder nicht: Jeder muß anerkennen, daß er sich um die Gunst der Fürsten nicht eben viel bemüht hat. Er wurde durch sein nahes Verhältnis zu Karl August mit vielen fürstlichen Personen bekannt; er pflegte solche Bekanntschaften aber sehr wenig und erwarb sich denn auch an den Höfen nicht den zehnten Teil der Gunst, die etwa sein Gegner Kotzebue gewann. Karl August war mit der königlichen Familie von Preußen und mit dem Herzoge von Braunschweig nahe verwandt; auf Goethe senkte sich kein Gnadenzeichen aus jenen Fürstenhäusern; man ließ ihn eher Abneigung spüren. Mit einigen benachbarten Fürsten hatte er in jüngeren Jahren eine gewisse Freundschaft; aber auch Das schlief ein. Seine politische Gesinnung hatte er nicht den Mächtigen zu Gefallen. Mehreren Monarchen war er zu aristokratisch, zu konservativ gesinnt, z. B. dem edlen Herzog Ernst von Gotha-Altenburg und seinem Bruder August. Auch der andere vortrefflichste Landesvater im damaligen Deutschland, Franz von Dessau, erklärte, als man ihn fragte, warum er nicht öfter mit Goethe verkehrt habe: Dieser sei ihm zu vornehm, zu höfisch gemessen gewesen, manchmal unangenehm schweigsam. „Auch spürte ich im Allgemeinen etwas von Inhumanität an ihm.“

Goethe hat den Kaiser Napoleon ehrlich bewundert; er hat die kranke junge Kaiserin Maria Ludowika von Österreich wie ein zärtlicher Vater geliebt; im Alter hat er dem kunstbegeisterten König Ludwig von Bayern mit Freude und Hoffnung zugesehen; im übrigen spielten die Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten in seinem Innern keine große Rolle – immer abgesehen von der weimarischen Fürstenfamilie, mit der sein Leben verbunden war. Vielleicht hatte er im Alter eine Schwäche für Orden; aber er war doch schon 59 Jahre alt und bereits seit 32 Jahren ein hoher Staatsdiener, als er die erste Auszeichnung dieser Art bekam, und Diese schätzte er zumeist deshalb, weil Napoleon ihn damit zu ehren wünschte.

Im Jahre 1818 war die Witwe des russischen Kaisers Paul, die Mutter des regierenden Kaisers Alexander und der weimarischen Erbgroßherzogin, in Weimar. Ihr zu Ehren wurde bei Hofe ein Fest gegeben, zu dem Goethe seinen letzten „Maskenzug“ dichtete. Zu dieser Arbeit hielt er sich zumeist in Berka auf, so daß ihn die Kaiserin erst bei der Aufführung zu sehen bekam. Am letzten Tage ihrer Anwesenheit ließ sich Goethe bei ihr melden, um Abschied zu nehmen; er kam dann aber nicht, sondern ließ sich entschuldigen. Als Dies der Kaiserin gemeldet wurde, wandte sie sich zum Großherzog und sagte: „Nun, es freut mich doch, daß ich Goethe wenigstens einmal gesprochen habe und daß er sich gegen mich so freundlich und huldreich bezeigt hat.“ Karl August lächelte bei diesen Worten; sie sah es und fuhr fort: „Ich sage Das nicht ohne Absicht, denn gewiß muß Jeder es für eine Huld erkennen, wenn Goethe gegen ihn freundlich ist.“

Als Eckermann im September 1827 seinen Meister auf die Höhe des Ettersberges begleitet hatte, blickte Goethe nach Westen, wo man über Erfurt hinaus das hochliegende Schloß Gotha entdecken konnte. „Ich bin dort nicht zum besten angeschrieben“ meinte der alte Dichter. „Als die Mutter des jetzt regierenden Herrn noch in hübscher Jugend war, befand ich mich dort sehr oft. Ich saß eines Abends bei ihr allein am Teetisch, als die beiden zehn- bis zwölfjährigen Prinzen, zwei hübsche blondlockige Knaben, hereinsprangen und zu uns an den Tisch kamen. Übermütig, wie ich sein konnte, fuhr ich den beiden Prinzen mit meinen Händen in die Haare mit den Worten: „Nun, ihr Semmelköpfe, was macht ihr?“ Die Buben sahen mich mit großen Augen an, im höchsten Erstaunen über meine Kühnheit – und haben mir es später nie vergessen.“