Stolz und Untertänigkeit
Und der Alte fuhr fort: „Ich hatte vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher, wenn nicht zugleich eine tüchtige Menschennatur dahinter steckte, nie viel Respekt. Ja, es war mir so wohl in meiner Haut, und ich fühlte mich selber so vornehm, daß, wenn man mich zum Fürsten gemacht hätte, ich es nicht eben sonderlich merkwürdig gefunden haben würde. Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten Viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich!“
In diesem Bericht ist Einiges nicht glaubhaft. Daß Goethe nicht mehr nach Gotha kam, erklärt sich aus seinem hohen Alter und daraus, daß der dortige Herzog Friedrich ein schwerkranker Mann war; in gesunden Tagen war er gut Freund mit Goethe gewesen. Auch seinem vor ihm regierenden Bruder August, einem ebenso geistreichen wie wunderlichen Herrn, ist kein Schmollen wegen der „Semmelköpfe“ zuzutrauen; er machte vielmehr seine Witze auch über den „weimarischen Papst“, und so ging ihm Goethe lieber aus dem Wege. Noch weniger aber kann sich Goethe zu den Frankfurter Patriziern gerechnet haben, denn sein Großvater väterlicherseits war ein zugewanderter Schneider, der später Gastwirt wurde; die Vorfahren von der Mutter her waren Gelehrte und Beamte, aber auch keine Patrizier. Das stolze Selbstbewußtsein, mit dem sich Goethe nach Eckermanns Worten den Fürsten gleichsetzte, hatte er jedoch nicht selten. Oft fiel freilich auch das Gegenteil auf. Karl August soll den alten Freund wegen seiner untertänigen Förmlichkeit verspottet haben. Richtig ist, daß Goethe sich durch die Vergünstigungen, die ihm seine Freundschaft mit Karl August, sein weltberühmter Name, sein allgemein bewundertes Genie boten, nicht dazu verführen ließ, sich über die herkömmlichen Formen hinwegzusetzen, und daß er die untertänigen Wendungen der Hofsprache gebrauchte, auch gegen Karl August. Goethe hielt sich auch sonst streng an den Kurialstil. „Hochwürdige, Hoch-, Hochwohl- und Wohlgeborene und Hochedle“ redete er im Juli 1800 die Landschafts-Deputation des Fürstentums Weimar an, und er fährt fort: „Höchst- und Hochzuverehrende, auch Hochgeehrteste Herren! Nachdem ich, Endesunterzeichneter, das freie Lehngut zu Oberroßla, welches durch Serenissimi besondere Gnade neuerlich in ein rechtes Erblehn verwandelt worden, sub hasta erstanden und damit beliehen worden ...“ In solchen Dingen merkte man, daß Goethe eben noch vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts geboren war. Wer aber die devoten Formen jener alten Zeit beurteilen will, bedenke, wie genau Rechte und Pflichten zusammenhängen: der Eine hielt des Andern überlieferte Rechte heilig, damit auch seine eigenen unverletzlich blieben. Und weiter: Höflichkeit und Förmlichkeit sind Mauern, mit denen wir uns gegen lästige Vertraulichkeit und unerwünschte Zumutungen schützen. Karl August wußte „seine Leute zu plagen“: also war selbst gegen ihn einige Umständlichkeit am Platze.
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Der gebundene Leib
Ernst Moritz Arndt wollte Goethes Verhalten gegen Vornehme aus einem Körperfehler erklären.
In der herrlichen Goetheschen Mannesgestalt war doch eine Unangemessenheit; seine Beine waren um 6 bis 7 Zoll zu kurz. Daher hatte er etwas von Dem, was Albrecht Dürer in seiner Beschreibung der vollkommenen Menschengestalt einen gebundenen Leib nennt; es fehlte ihm körperliche Gewandtheit und Leichtigkeit ... Diese seine Beinverkürzung gab ihm wirklich eine etwas unbewegliche Steifigkeit, welche ein Unkundiger und Unwissender leicht als absichtliche Förmlichkeit und angenommene Vornehmigkeit hat deuten können. Ich möchte ferner behaupten, daß Goethe ... dieses Naturmangels seiner Schenkel frühe inne geworden ist, daß daher auch Das entsprungen ist, was in seinen Schriften öfters nicht angenehm auffällt; daß er in der Leichtigkeit und Beweglichkeit der körperlichen Haltung, wie sie jeder Jagdjunker und Kammerjunker unter Lakaien, Rossen und Jägern von Jugend auf gewinnt, oft etwas zu Männliches und Idealisches gesehen und es als Solches dargestellt zu haben scheint. In dem wirklichen Leben unter gewandten Weltleuten (Offizieren, Hofleuten) stand der große Mann daher ohne jenen Stolz, der ihm da wohl doppelt erlaubt gewesen wäre, fast mehr einem Untergeordneten gleich. Ich habe ihn selbst mit Erstaunen vor jungen Leutnanten aus freiherrlichen und gräflichen Geschlechtern mit einer gewissen steifen Verlegenheit stehen gesehen. Er fühlte sich vor solcher Ungebundenheit und Leichtigkeit offenbar mit seinem Körper verlegen und gebunden.
Arndt überschätzte gewiß die Wirkung des Wuchsfehlers, der übrigens auch bei Alexander dem Großen, Friedrich dem Großen, Napoleon, Mozart, Beethoven, Napoleon dem Dritten, Richard Wagner und anderen berühmten Leuten, den sog. Sitzriesen, festgestellt ist und den Homer auch seinem Odysseus zuschreibt. Aber es ist in der Tat aus jedem Lebensalter Goethes diese körperliche „Steifigkeit“ bezeugt; schon der kleine Knabe hielt sich überaus gerade und schritt „gravitätisch“ einher, und über den Sechsundzwanzigjährigen, in Weimar Eintretenden lesen wir: „seine steife Haltung, die enge Bewegung seiner Arme und sein Perpendikulargang fielen allgemein auf.“[8] Als Knabe und Jüngling hörte Goethe manchen Spott darüber. Aber wichtiger für sein Verhalten gegen Gewandtere ist doch der andere Umstand, daß er in Gesellschaft, unter Fremden sich innerlich unbeholfen fühlte. Insofern war ihm fast jeder Sprößling eines guten adligen Hauses im gesellschaftlichen Leben überlegen; also mußte Goethe an vielen vornehmen Leuten, die vielleicht wenig Gehalt hatten, eine höchst wünschenswerte Meisterschaft verehren.
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Hatte er „vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher nie viel Respekt“, so mochte er doch das Feine und Gute am aristokratischen Wesen gern genießen. Noch in seinem Todesjahre sprach er zu Eckermann einmal davon, wie sympathisch ihm ein echter Aristokrat sei, ein Mann wie Karl v. Spiegel, von dem gerade die Rede war. „Seine Abkunft kann er ebensowenig verleugnen als Jemand einen höheren Geist verleugnen könnte. Denn Beides, Geburt und Geist, geben Dem, der sie einmal besitzt, ein Gepräge, das sich durch kein Inkognito verbergen läßt. Es sind Gewalten wie die Schönheit, denen man nicht nahe kommen kann, ohne zu empfinden, daß sie höherer Art sind.“