Stell’ Dir die erschreckliche Wendung vor: von Liebesgeschichten auf die Insel Korsika, und auf Dieser blieben wir in dem größsten und hitzigsten Handgemenge bis morgens gegen Viere. Die Frage, über die mit so viel Heftigkeit als Gelehrsamkeit gestritten wurde, war Diese: ob ein Volk nicht glücklicher sei, wenn’s frei ist, als wenn’s unter dem Befehl eines souveränen Herrn steht. Denn ich sagte: die Korsen sind wirklich unglücklich. Er sagte: nein, es ist ein Glück für sie und ihre Nachkommen; sie werden nur verfeinert, entwildert, lernen Künste und Wissenschaften, statt sie zuvor roh und wild waren. Herr! – sagte ich – ich hätt’ den Teufel von seinen Verfeinerungen und Veredelungen auf Kosten meiner Freiheit, die eigentlich unser Glück macht.
Philipp war ein recht praktisch angelegter Mensch; schon mit dreiundzwanzig Jahren begann er als Nebenverdienst eine Flachsspinnerei und einen Strumpfverlag. Goethe benutzte ihn wegen dieser Talente auch für seine gemeinnützigen Zwecke; als er den Vorsitz der Kriegskommission übernahm und die Garnisonschule nach dem Muster der Frankfurter Stadtschule verbesserte, da gründeten Herr und Diener gemeinsam auch eine Strick-, Näh- und Spinnschule für die Soldatenkinder, und sie verfaßten gemeinsam eine ‚Anweisung zum Spinnen‘.
Am wertvollsten wurde der Diener seinem Herrn, als dieser nach Italien ging und daheim eines sehr zuverlässigen Verwalters und Stellvertreters bedurfte. Philipp besorgte nun alle Haus- und Kassengeschäfte, berichtete die kleinen und großen weimarischen Ereignisse, überbrachte Andern die Sendungen und Bestellungen seines Herrn; ja, er öffnete im Anfang die an Diesen gelangenden Briefe und grüßte Hoch und Niedrig von dem Abwesenden, je nachdem er, Philipp, es für angebracht hielt. Das war dem Dichter recht. Aus Rom schreibt er:
Du gehst zu den Herren Geheimräten und machst von hier aus meine besten Empfehlungen und empfiehlst mich ihrem Andenken. Ein Gleiches kannst Du bei Herrn und Frau v. Wedel und bei den Hofdamen tun. Fällt Dir sonst noch Jemand ein, so tue das Gleiche; ich gebe Dir Vollmacht; wo Du es schicklich und artig hältst, gebe ich Dir Vollmacht. Schreibe mir nur nachher, wen Du gegrüßt hast.
Aus Neapel heißt es dann:
Bleibe ja dabei, und ich fordere Dich dazu auf, mir über Alles, was mich sonst angeht und was Du sonst gut finden magst, Deine Meinung unverhohlen, ja ohne Einleitung und Entschuldigung, zu sagen. Ich habe Dich immer als einen meiner Schutzgeister angesehen; werde nicht müde, dieses Ämtchen auch künftig beiher zu verwalten.
Und Philipp war aufrichtig. Er schrieb z. B., daß ihm die neue, italienische Fassung der ‚Iphigenie‘ nicht so gut gefalle wie die frühere in Prosa. Und Goethe antwortete:
Was Du von meiner ‚Iphigenie‘ sagst, ist im gewissen Sinne leider wahr. Als ich mich um der Kunst und des Handwerkes willen entschließen mußte, das Stück umzuschreiben, sah ich voraus, daß die besten Stellen verlieren mußten, wenn die schlechten und mittlern gewannen. Du hast zwei Szenen genannt, die offenbar verloren haben. Aber wenn es gedruckt ist, dann lies es noch einmal ganz gelassen, und Du wirst fühlen, was es als Ganzes gewonnen hat.
Seidel blieb dabei, daß die alte, prosaische Form die bessere gewesen sei, wie auch die ‚Claudine von Villabella‘ durch die Jamben nicht gewonnen habe. Goethe antwortete wieder geduldig:
Du sollst auch eine ‚Iphigenie‘ in Prosa haben, wenn sie Dir Freude macht. Der Künstler kann nur arbeiten. Beifall läßt sich, wie Gegenliebe, nur wünschen, nicht erzwingen.