Ebenso wie Philipp ihn, so beriet er seinen Diener bei Dessen literarischen Arbeiten. Philipp dichtete, schrieb eine Abhandlung über das Münzwesen (Goethe gab ihm Aufschluß über die Währung in Neapel), schrieb eine Abhandlung über das weibliche Geschlecht, Alles neben seinem Dienst, seinen eigenen Unternehmungen und seinen naturwissenschaftlichen Studien; er war eben Goethes „vidimierte Kopie“, wie man in Weimar sagte. Sein Herr urteilte immer wohlwollend.
Was Deine kleine Schrift über das weibliche Geschlecht betrifft, so möchte ich Dir fast raten, sie geradezu drucken zu lassen, besonders wenn Du unbekannt bleiben könntest. Jene Ausarbeitung über’s Geld kann nicht reif genug werden; moralische Sachen aber lernt ein Unbefangener aus dem Effekt auf’s Publikum erst recht kennen.
Auch die Meinung seines Dieners über Staatsangelegenheiten war ihm wichtig. So bat er im Sommer 1787:
Mache Dir einmal wieder ein Geschäft, mir einen langen Brief zu schreiben und mir mit Deiner gewöhnlichen Freimütigkeit über die gegenwärtige Lage unseres kleinen Staats, insofern Du sie übersiehst, und was das Publikum denkt und sagt, über das neue Kammersystem usw. Deine Gedanken zu eröffnen.
Philipp wird nicht wenig kritisiert haben, und Goethe antwortete: „Alle Briefe, die an mich kommen, sind voll Klagen und Trauer über die Veränderungen, die sich bei uns zugetragen haben.“ Das heißt, in’s Offene übersetzt: Es ist ein großer Jammer, daß unser guter Herzog sich hat einfallen lassen, preußischer Soldat zu werden; er wird damit sich selber und seinem Lande schaden.
Philipp war mit seinem Herrn Naturforscher geworden und setzte nun das Mikroskopieren auf eigene Hand fort; er teilte seine Entdeckungen freudig mit. Goethe antwortete:
Du tust sehr wohl, mein Lieber, Dich mit Betrachtung der Natur zu beschäftigen. Wie der natürliche Genuß der beste ist, so ist auch die natürliche Betrachtung die beste. Deine Beobachtungen sind recht gut ... Schreibe mir Alles, was Du auf diesem Wege triffst. Mich interessiert’s sehr, und ich lerne immer.
Oft schreibt Goethe seinem Diener Lob und Zustimmung; muß er aber einmal tadeln, so findet er die feinste Form:
Noch ein Wort! Ich kann nicht billigen, daß Du der Frau v. Stein nicht nähere Auskunft wegen des Kastens gabst. Ich bin dadurch auf einige Zeit in Sorge geraten. Wo man aufklären, auch in Kleinigkeiten, kann, soll man es ja und bald tun. Ich gebe diese Lehre und Ermahnung Dir und mir, indem ich Dies schreibe.
Auch für das Fortkommen Philipps sorgt Goethe auf’s beste. Er ließ ihn zuerst Kammerkalkulator, dann Rentkommissär werden; 1789 rückte Seidel zum Rentamtmann auf, und Goethe stellte die dabei nötige Kaution von 1000 Talern. Seidel war bis zu seinem 1820 erfolgten Tode ein tüchtiger Beamter. – –