Schien immer nichts davon zu sehen,
Und wenn er immer glänzend und groß
Rings umher Wärme und Licht ergoß,
Sich nur um seine Achse zu drehen.
Später hätte Wieland dies Gedicht als eine allzu enthusiastische Übertreibung gern aus der Welt geschafft; 1797 meinte er einmal, Goethes Kunst habe von jeher darin bestanden, die Konvenienz mit Füßen zu treten und doch dabei immer klug um sich zu sehen, wie weit er’s gerade wagen durfte. Jenes Gedicht bezog sich auf einen Besuch Goethes und Wielands bei der Familie v. Keller in Stetten; hier in Stetten, erzählte nun Wieland, sei Goethe gegen die alte Dame weit respektvoller gewesen als daheim in Weimar gegen die Herzogin-Mutter, in deren Gegenwart er sich oft auf dem Boden im Zimmer herumgewälzt und durch Verdrehung der Hände und Füße Lachen erregt habe.
Der Hexenmeister
In jener ersten weimarischen Zeit besuchte einmal der alte Gleim aus Halberstadt seine Freunde Wieland und Bertuch, und ehe er Goethe kannte, nahm er an einer höfischen Gesellschaft teil. Da erbot sich ein feiner Jäger, ihn im Vorlesen aus dem neuesten Musenalmanach abzulösen, und bald las dieser Jäger das tollste, geistvollste, witzigste Zeug, das gar nicht auf den Blättern stand; sogar eine Fabel auf Gleim improvisierte er in Knittelversen. „Das ist entweder Goethe oder der Teufel!“ flüsterte der Halberstädter Gast Wieland zu. „Beides!“ gab Jener zur Antwort.
Dieser Hexenmeister für fröhliche Gesellschaften, dieser liebenswürdigste Kamerad blieb Goethe nicht lange, oder vielmehr: was anfangs die Regel gewesen war, wurde bald zur seltenen Ausnahme. Es erheben sich auch unter den weimarischen Freunden bald Klagen über sein zugeknöpftes, allzu ernstes Wesen. Und als er von der italienischen Reise wiederkam, erschien er vollends als ein Fremder.
Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet, daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam, ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit, mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam er dem Einen erkaltet, dem Andern verschlossen oder selbstsüchtig, rätselhaft den Meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen nachgeklungen.[15]
Goethe versuchte zuweilen, die Tage unbefangener Jugendlust mit Gewalt zurückzurufen; man sah z. B. bald nach seiner Heimkehr aus Italien, wie er auf einem Hofballe nur mit solchen Mädchen und Frauen tanzte und schwätzte, die außer der Jugend und einem hübschen Gesicht nichts zu bieten hatten, während er die Älteren und Verständigeren mied; und später umgab er sich gern mit jungem Schauspielervolk, das denn doch besser zu seiner Christiane als zu ihm paßte. Im Herbst 1801 erschien er plötzlich einmal in einer Damengesellschaft bei dem klugen alten Hoffräulein v. Göchhausen und begann vor den überraschten Damen alsbald eine Strafpredigt über die verderbte Geselligkeit, die jetzt herrsche. Mit den grellsten Farben schilderte er die dermalige Geistesleere und Gemütlosigkeit: wieviel gemütlicher sei es doch früher gewesen! Seinen ganzen Zorn ergoß er über den Teufel der Hoffart, der die Genügsamkeit und den Frohsinn aus der Welt verbannt, dagegen aber die unerträglichste Langeweile eingeschmuggelt habe. Dann schlug er einen Reformverein vor und zwar eine – cour d’amour. Sein Vorschlag wurde angenommen; die phantastische Gesellschaft bildete sich aus sieben Damen und sieben Herren. Man kam jeden Mittwoch Abend nach dem Theater in Goethes Haus zusammen; die Damen sorgten für das Essen, die Herren für den Wein. Aber der Liebeshof wurde nicht so unterhaltend, wie man gehofft hatte, und man klagte über Goethes Steifheit, Pedanterie und Tyrannei. Schon nach einem halben Jahre bewirkte die erste Meinungsverschiedenheit, daß die Zusammenkünfte aufhörten.