**
*
Klagen Goethes und über ihn
Auch Goethe selber hat uns bezeugt, daß er in der Geselligkeit bald frei-spielend, bald unfrei und unbeholfen gewesen sei. „Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst, Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen“ so klagt er schon 1783, und: „Mir ist’s nicht gegeben, gegen die Menge und mit der Menge herzlich zu sein“ schreibt er 1785 an Knebel, als er gegen die berühmte Frau v. der Recke so stumm und kalt geblieben war, daß ihre Begleiterin Sophie Becker von ihm niederschrieb: „Er hat etwas entsetzlich Steifes in seinem Betragen und spricht gar wenig; es war mir immer, als ob ihn seine Größe verlegen mache.“ In den ‚Annalen‘ von 1804 fügt Goethe hinzu: auch wenn er sich nicht verstelle, sondern sich gehen lasse, werde er doch immer von den Leuten nicht recht gefaßt. Um so mehr mußte er mit Staunen später bemerken, wie sehr der Stubengelehrte Schiller in jeder Gesellschaft Herr seiner selbst war.
Schiller war ein ganz anderer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen .... Er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, Nichts engt ihn ein, Nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! Wir Andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß .. wir sind die Sklaven der Gegenstände.
In Düsseldorf und Münster
Ganz anders klingt dann wieder, was Goethe in der ‚Kampagne in Frankreich‘ über sich und seinen Aufenthalt in Düsseldorf und Münster erzählt. Er beginnt auch hier damit, daß er in Jacobis Hause seine optischen Entdeckungen nur „didaktisch und dogmatisch“ vortragen konnte, denn, sagt er, „eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war mir nicht verliehen.“ Dann aber spricht er von einer „bösen Gewohnheit.“
Da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxen aufzuregen und an’s Äußerste zu führen. Dadurch war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinne verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, mußte ich das Böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch mich gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen. Als Ernst konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, daß ich durch diese böse Manier mir manche Person entfremdet, Andere zu Feinden gemacht habe.
Er fährt fort:
Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing ... Ich konnte beschreiben, als wenn ich’s vor mir sähe; von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war Jedermann von den lebhaft vorbeigeführten Bilderzügen zufrieden, manchmal entzückt.
„Er ist und bleibt der wahre Zauberer“ schrieb damals Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg.