Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie immer nur die linke Seite sehen, und Dies ist auch das Verkehrteste an ihm, daß er so gern das Verkehrte aus sich herauswendet.

Wenige Tage danach war Goethe in Münster bei der Fürstin Gallitzin in einem Kreise frommer katholischer Laien und Priester. Er fügte sich vollkommen in diesen Kreis.

Hier wählte ich unaufgefordert die römischen Kirchenfeste, Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul, sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich ging darauf aus, ein ‚Römisches Jahr‘ zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten Bildern ebenso zufrieden sah, als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, Einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau bekannt, hatte im stillen gefragt, ob ich denn wirklich katholisch sei. Als die Fürstin mir Dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein Anderes; man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, daß man mich für religiös, ja für katholisch halten könne. – „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin“ rief ich aus, „ich stelle mich nicht fromm: ich bin es am rechten Orte! Mir fällt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wende ich den Blick weg; aber Manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen. Da zeigt sich dann meist, daß die Andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“

Ein junger Schweizer, Horner aus Zürich, durfte im Oktober 1794 als Begleiter seines Landsmanns Heinrich Meyer an einer Gesellschaft bei Herder teilnehmen. Er wunderte sich, wie ungeniert die großen Geister miteinander verkehrten. „Jeder sprach und stand oder setzte sich, zu wem er wollte.“ Herder zeigte sich als der Unterhaltsamste und Überlegenste; Goethe blieb stumm. Da brachte ein gewisser Professor Meyer aus Berlin „auf eine infam-witzige Manier die Heirats- und Sterbensgeschichte“ des armen Karl Philipp Moritz vor.

Dies weckte Goethen so nach und nach aus seiner Kälte auf. Er saß neben mir, und wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein. Nun fing auch er an, von Moritz zu erzählen: was er in Rom für dumme Streiche gemacht hatte, und schlug mit seinem Witz, der viel feiner war, den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden.

Bei Frau Schopenhauer

Stephan Schütze, der ihn namentlich im geselligen Kreise der Bankierswitwe Johanna Schopenhauer, der Mutter von Adele und Arthur Schopenhauer, beobachtete, schildert ihn uns, wie er in den Notjahren nach dem Oktober 1806 dort erschien.

Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte, sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanft-ruhigen, bald einen verdrießlich-abschreckenden – auch Kummer drückte sich bei ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus – bald einen sich absondernden, schweigsamen, bald einen beredten, ja redseligen, bald einen episch-ruhigen, bald, wiewohl seltener, einen feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden, schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen übermütigen Goethe vor sich .... Goethe übte gewiß eine Herrschaft über sich, wie leicht Niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.

Schütze erzählt weiter:

Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich; ja, er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich so von selbst ergeben mußte. ... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas ruhig durchzusprechen, wobei Andere oft nur beipflichtend und fragend beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und fortsetzte.