Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der an’s Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte und Alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am Leben ein.

So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung, wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war Dies namentlich der Fall, als er eines Abends [1807] Calderons ‚standhaften Prinzen‘ vorlas. Bei der Szene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch auf den Tisch warf.

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Ein abwechselndes Vorlesen und ein Lesen mit verteilten Rollen ward auch in Goethes Hause gepflegt, wenigstens eine Zeit lang. Der junge Heinrich Voß, der Sohn des Homer-Übersetzers, erzählt davon im Januar 1801:

Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch, Goethe in der Mitte, und liest abwechselnd. Es traf sich, daß beidemal, als ich zugegen war, aus der ‚Luise‘ gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut: er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. „Eine heilige Stelle!“ rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte.

Nachher traf ihn die Stelle: „den Gesang, den unser Voß in Eutin uns dichtete.“ Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können.

Vier Jahre später schilderte Frau Schopenhauer ihrem Sohne einen Abend bei Goethe, „wo es allerliebst war.“

Er hatte einige junge Schauspieler, die er oft bei sich deklamieren läßt, um sie für ihre Kunst zu bilden, eingeladen und las mir mit ihnen einige seiner frühesten Arbeiten, ein Stück von Laune und Humor: ‚Die Mitschuldigen‘, vor. Er hatte selbst die Rolle eines alten Gastwirts darin übernommen ... Ich habe nie was Ähnliches gehört; er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert; Keiner hat das Echtkomische mehr in seiner Gewalt als er.

Zwischendurch meisterte er die jungen Leute. Ein paar waren ihm zu kalt. „Seid ihr denn gar nicht verliebt?“ rief er komisch erzürnt, und doch war es ihm halb ein Ernst. „Seid ihr denn gar nicht verliebt, verdammtes junges Volk! Ich bin sechzig Jahre alt und kann’s besser.“

Wir blieben bis halb Zwölf zusammen, Ich saß bei ihm, und die Bardua auf der andern Seite.