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Lesen und Singen
„Wohl perlet im Glase der purpurne Wein“ beginnt Schiller ein Gedicht, „Wohl glänzen die Augen der Gäste: Es zeigt sich der Sänger, er tritt herein. Zu dem Guten bringt er das Beste.“ Und ebenso zeichnet uns Goethe den singenden Dichter, den der König herbeirufen läßt, seine Gäste zu erfreuen.
Der Sänger drückt’ die Augen ein
Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein,
Und in den Schoß die Schönen.
Diese Erfahrung, daß Dichtung und Musik zum Guten das Beste hinzufügen, hatten beide Dichter oft mit erlebt: bei Hofe, in geselligen Vereinen und im eigenen Hause. Als Fürst Radziwill einmal nach Weimar kam, sein Cello mitbrachte und zum Cello sang, glaubte Goethe einen Troubadour aus alten Zeiten zu sehen. In jüngeren Jahren war Korona Schröter so eine Bringerin der schönsten Freude in Goethes Häuschen an der Ilm; in späteren Zeiten kamen Liedermeister wie Reichardt, Zelter und Methfessel zu ihm und sangen zur Gitarre, zum Klavier oder ohne jedes Instrument. Oder es kamen Sänger und Sängerinnen vom Theater: Ehlers, Strohmeier, Moltke, Ernestine Engels, Henriette Eberwein und von auswärts Henriette Sontag, Wilhelmine Schröder-Devrient. Auch tüchtige Klavierspieler und Geiger erfreuten ihn und seine Gäste nicht selten: Hummel, Organist Schütz aus Berka, Karl Eberwein, Ferdinand Hiller, Felix Mendelssohn, Maria Szymanowska, Klara Wieck, die nachmalige Gattin von Robert Schumann, und Andere mehr.
Hauskapelle
Eine eigene Hauskapelle hatte er sich schon lange gewünscht; im Herbst 1807 glückte es ihm, sie einzurichten; ein paar Sänger und Sängerinnen vom Theater übten sich bei ihm zweimal die Woche; der Geiger Karl Eberwein warf sich zum Dirigenten auf; im Januar 1808 konnte Goethe schon das erste Konzert seines eigenen Singechors vor geladenen Gästen veranstalten. In den nächsten Wintern waren dann seine Hauskonzerte seine liebste Geselligkeit. Sie fanden an den Sonntagmittagen statt; alle Freunde waren geladen, und einige Male zählte man an die fünfzig Zuhörer. Diese Tonfreuden begannen gewöhnlich mit Werken der musica sacra; dann folgten weltlich-ernste Stücke, und schließlich fehlte auch das Lustige nicht.