Um 1812 und 1813 schlief diese kleine Anstalt ein, besonders infolge von Mißhelligkeiten im Theater. Aber das Ehepaar Eberwein blieb dem alten Dichter treu anhänglich, und wenn nun Goethe in seinem Saale ein Konzert wünschte, so bedurfte es nur einer kurzen Mitteilung: Eberwein brachte die Vortragenden rasch zusammen. Eckermann hat uns solche Abende geschildert, wo Goethe sich mit den Seinen Händels ‚Messias‘ zurückrief oder sich an dem Vortrag seiner eigenen Lieder erfreute, die Henriette Eberwein gar lebendig vortrug, und zwar in Melodien, die teils ihr Mann, teils ihr Schwager, der Rudolstädter Eberwein, gesetzt hatten.
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Zeichentisch
Auch das Zeichnen und Malen wurde im klassischen Weimar zuweilen zum gesellschaftlichen Vergnügen. Wir besitzen ein Bild von Georg Melchior Kraus, wo er im Kreise um die Herzogin Amalie neun Damen und Herren an einem Zeichentische abgebildet hat: Goethe, Einsiedel, Herder usw.; zwei der Damen sticken, Herder macht den Zuschauer, die Übrigen haben alle den Stift oder den Pinsel zur Hand. Als im Oktober 1806 die Frau Schopenhauer trotz ihrer Neuheit in Weimar zweimal in der Woche Tee-Abende geben und dazu namentlich den Geheimen Rat Goethe als regelmäßigen Gast gewinnen wollte, gab ihr sein Freund Heinrich Meyer einen guten Rat. „Goethe fühlt sich recht wohl bei mir“ konnte sie dann sehr bald an ihren Arthur schreiben;
ich habe einen eigenen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine Ecke gestellt. Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht aus dem Kopfe kleine Landschaften: leicht hingeworfen, nur skizziert, aber lebend und wahr, wie er selbst und Alles, was er macht.
Einmal brachte er der Gastgeberin einen schön aus Papier ausgeschnittenen Blumenstrauß von dem Hamburger Maler Philipp Otto Runge mit; da zeigte ihm Frau Schopenhauer, daß sie diese Kunst auch verstand, und legte ihm einen ebensolchen Kastanienzweig vor.
Er freute sich darüber wie ein Kind zum Weihnachten ... Die Übrigen gingen an’s Klavier im Nebenzimmer; ich blieb allein bei Goethe an seinem Zeichentische ... Nun erzählte er mir von einem Ofenschirme, den ich so machen müßte, machte mir mit ein paar Strichen eine Zeichnung dazu und will mir auch beim Aufkleben helfen.
Beide gingen sogleich mit großem Eifer an diese Aufgabe. Die junge Witwe schnitt ihre Blumen, und der berühmte Dichter war „gewaltig beschäftigt“, sie zur Verzierung des Ofenschirmes zu ordnen. Ende Januar 1807 berichtet Johanna wieder darüber.
Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftliche Arbeiten, die man mit Lust und Liebe anfängt; es gibt kein schöneres, festeres Band für’s gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden Etwas vor, und Das gibt ein Zusammenkommen, ein Beraten, ein Überlegen, als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm ... Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast töricht erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit Meyer Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die Andern dabei stehen und eifrig Rat geben, er würde ein recht christliches Mitleid mit uns armen kindischen Seelen haben ...
Der Ofenschirm ist fertig und die Bewunderung aller Welt; er ist wirklich über Erwarten hübsch! Goethe hat letzt mit dem Lichte in der Hand wohl eine halbe Stunde davor gesessen und ihn besehen, und wer ihm näher kam, Der mußte mit bewundern und besehen.