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Kartenspiel
Zu den väterlichen Warnungen, die Goethe auf die Universität mitnahm, gehörte diejenige vor allem Kartenspiel. In Leipzig aber überzeugte ihn eine mütterliche Freundin, die Hofrätin Böhme, daß nur der Mißbrauch gefährlich und schädlich sei, und sie unterwies ihn in Pikett, L’hombre und anderen in Gesellschaft üblichen Spielen. Ein guter Kartenspieler wurde ihr Zögling jedoch nicht. „Ich hatte wohl den Spielsinn, aber nicht den Spielgeist“ so schilderte sich Goethe später:
Ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals konnte ich die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten. Wenn ich also recht gut anfing, so verfehlte ich’s doch immer am Ende und machte mich und Andere verlieren, wodurch ich denn jederzeit verdrießlich entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging. Kaum war Madame Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer langwierigen Krankheit nicht mehr zum Spiel angehalten hatte, so gewann die Lehre meines Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von den Partien, und weil man nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte, so ward ich mir noch mehr als Andern lästig, schlug die Einladungen aus, die denn sparsamer erfolgten und zuletzt ganz aufhörten.
Diese Erfahrung machte ihn in Straßburg willfährig, als dort ein älterer Freund, Salzmann, die gleiche Forderung an ihn stellte wie einst die Professorin Böhme. Goethe sah ein, daß man sich durch diese kleine Aufopferung – wenn sie ja als solche gelten dürfe – manches Vergnügen und „sogar eine größere Freiheit in der Sozietät verschaffen könne, als man sonst genießen würde“; handelte es sich doch damals, wenn vom Kartenspiel die Rede war, in der Regel nicht um einen Wirtshaus-Zeitvertreib unter Männern, sondern um eine häusliche Unterhaltung zwischen Damen und Herren. Die Gefahr, daß Einzelne von der Spielleidenschaft ergriffen wurden, blieb freilich; nicht Wenige brachten sich bei Kunst- und Glückspielen um Wohlstand, Häuslichkeit und Ehre. Aber Goethe fühlte nie eine übermäßige Anziehung vom Spieltisch aus, und wenn er die Karten in der Hand hielt, blieb ihm das Beisammensein mit den Menschen die Hauptsache.
Das alte eingeschlafene Pikett wurde daher hervorgesucht; ich lernte Whist, richtete mir nach Anleitung meines Mentors einen Spielbeutel ein, welcher unter allen Umständen unantastbar sein sollte, und nun fand ich Gelegenheit, mit meinem Freunde die meisten Abende in den besten Zirkeln zuzubringen.
Er war selber noch ein junger Student, als ein noch jüngerer, Augustin Trapp in Worms, ihn um einen Gewissensrat über das Kartenspielen bat; Goethe neigte damals zur herrnhutischen Frömmigkeit und hatte Verständnis für solche Nöte; seine Antwort war vermittelnd:
Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht! Warum wollen Sie törig sein und Ihr Gewissen, anderen Leuten zu gefallen, beschweren? Aber ich wünschte nicht, daß Sie eine Religionssache daraus machten und sagten: Ich tu es nicht, weil ich’s für Sünde halte.
Und noch weniger wünschte ich, daß Sie Jemanden, der gerne spielt, abhalten und denen Leuten beweisen wollten, es sei Sünde. Wer spielen will, Den lassen Sie spielen! Aber Sie, lassen Sie’s sein! Wenn man Sie nötigt, so sagen Sie: „Ich spiele nicht.“ Wenn man fragt: „warum?“ so sagen Sie: „Weil ich keinen Gefallen dran habe.“ Sagen die Leute: „Das ist Grille,“ so antworten Sie mit einem großen Philosophen: „Gut, es sei Grille: habt Ihr etwan keine?“ Und wenn man Sie fragt: „Was halten Sie von dem Spiel?“, so können Sie sagen: „Ich spiele nicht; was ich davon halte, kann sehr einerlei sein; meine Meinung wird zur Entscheidung des Streits nichts beitragen.“
Und so helfen Sie sich durch, wenn Sie können! Denn es ist aus tausend Ursachen gut, gewisse Kleinigkeiten nicht nach den Grundsätzen der Religion, besonders öffentlich, zu beurteilen. –