es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, Alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck tilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half’s manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Mann, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Untätigkeit, Schmeichelei und Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebärde.

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Kluge Politik gegen Feinde

Eine andere zwar nicht unbekannte, aber doch „nicht genug gekannte und geübte Politik“, die Angreifer loszuwerden, üben wir, indem wir uns unempfindlich stellen. Wehe dem Knaben, der andere Buben merken läßt, daß er sehr kitzlich ist, und wehe dem im öffentlichen Leben stehenden Manne, der dem Gegner verrät, daß seine Pfeile schmerzen! Wer die Zähne zusammenbeißt und eine gute, oder doch gleichgültige Miene zum bösen Spiel macht, setzt die Angreifer matt und stärkt sich nebenbei im Stoizismus, der ihn den nächsten Angriff schon viel leichter ertragen läßt. Goethe hat (Dichtung und Wahrheit I, 2) in seiner Knabenzeit unter roheren Gespielen auch diese Schule durchgemacht und im Unterdrücken des Schmerzes Tüchtiges geleistet. „Dadurch setzt man sich in einen großen Vorteil, der uns von Andern so geschwind nicht abgewonnen wird.“

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Kotzebue

Ein sehr derbes, aber auch sehr richtiges Bild hat Goethe einmal vom Hassen gegeben: „Der Haß gleicht einer Krankheit, dem Miserere, wo man vorn herausgibt, was eigentlich hinten weggehen sollte.“ Wie Goethe seine Feinde verdaute und zur eigenen Ernährung ausnutzte, Das sieht man am besten an seinem Verhalten zu Kotzebue. Dieser machte es sich, als er aus Goethes Kreise zurückgewiesen war, zum Geschäft, auf jede Art und Weise seinem Talent, seiner Tätigkeit, seinem Glück entgegenzutreten.[20] Goethes Hausmittel dagegen war: „die Existenz Desjenigen, der mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges, und zwar günstiges Ingrediens zu der seinigen zu betrachten.“ So hielt er es auch mit diesem Angreifer:

Ich denke ihn mir gern als Weimaraner und freue mich, daß er der mir so werten Stadt das Verdienst nicht rauben kann, sein Geburtsort gewesen zu sein. Ich denke mir ihn gern als schönen, muntern Knaben, der in meinem Garten Sprengel stellte und mich durch seine freie Tätigkeit sehr oft ergötzte. Ich gedenke seiner gern als Bruder eines liebenswürdigen Frauenzimmers [Malchen K.], die sich als Gattin [des Dr. Gildemeister in Bremen] und Mutter immer verehrenswert gezeigt hat. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungen durch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Eindrücke einzelner Stellen, obschon nicht leicht ein Ganzes, weder als Kunst- noch Gemütsprodukt, weder als Das, was es aussprach, noch was es andeutete, mich jemals anmuten und sich mit meiner Natur vereinbaren konnte. Sehr großen Vorteil dagegen hat mir seine literarische Laufbahn in Absicht auf Übung des Urteils gebracht, welches wir am eigentlichsten durch die Produktionen der Gegenwart zu schärfen vermögend sind. Er hat mir Gelegenheit gegeben, manche Andere, ja das ganze Publikum, kennen zu lernen. Ja, ich finde noch öfters Anlaß, seine Leistungen, denen man Verdienst und Talent nicht absprechen kann, gegen überhinfahrendes Tadeln und Verwerfen in Schutz zu nehmen. Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wüßte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkung zu freuen und zu wünschen, daß er sie noch lange fortsetzen möge.

Goethe ließ in der Tat von 1791-1817 nicht weniger als 84 Stücke seines Feindes Kotzebue aufführen; weit über 600 Abende besetzte er damit; weder Schiller, noch Goethe, noch sonst ein Dichter wurden auf der weimarischen Bühne auch nur annähernd so viel gespielt. Einmal verschob Goethe seine Badereise, um Kotzebues Posse ‚Der Rehbock‘ völlig einzustudieren; ja, im Jahre 1817 wandte er vier Wochen fleißiger Arbeit daran, um den ‚Schutzgeist‘ zu kürzen und umzuarbeiten, weil sonst das Stück auf der Bühne nicht zu halten gewesen wäre. Und gleich danach widmete er ebensoviel Sorgfalt dem Lustspiel ‚Die Bestohlenen‘.

Goethes Hausmittel gegen diesen Feind sieht beinahe christlich aus; er will es aber weder als christlich noch als sonst hochmoralisch empfehlen: es sei einfach einem verklärten Egoismus entsprungen und bewähre sich als praktisch, um die unangenehmsten von allen Empfindungen aus dem Gemüt zu verbannen: kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß. In der Lehre, man solle seine Feinde lieben, scheint ihm das Wort „lieben“ gemißbraucht oder doch in einem andern Sinne gebraucht zu sein, als es sonst hat; er will deshalb lieber jenen weisen Spruch mit Überzeugung wiederholen, daß man einen guten Haushalter hauptsächlich dann erkenne, wenn er sich auch des Widerwärtigen vorteilhaft zu bedienen wisse.