Goethe sprach 1815 einmal von der „deutschen Hypochondrie.“ Die Deutschen und alle nördlichen Völker neigten im Gegensatz zu den fröhlichen Romanen besonders zur Milzsucht oder zum spleen; in Deutschland aber ward ihr nicht, wie in England, durch eine frische und lockere Jugenderziehung und viel Bewegung im freien Felde entgegen gearbeitet. „Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig und dem Dämon der Hypochondrie verfallen“ klagte Goethe 1828.
Er selber war nicht frei von diesem allgemeinen Leiden. „Ich habe viel Humor, bin aber dabei immer Hypochonder“ schreibt er 1780 an Knebel. „Wie stehen Sie mit Ihrem hypochondrischen Freunde?“ fragte er Frau v. Stein im nächsten Jahre. 1792 versichert er seiner Christiane, es fehle ihm nicht das mindeste „und an Hypochondrie ist garnicht zu denken.“ Aber 1803 klagt Christiane einem ärztlichen Freunde insgeheim:
Ich lebe wegen des Geheimrats sehr in Sorge; er ist manchmal ganz Hypochonder, und ich stehe viel aus; weil es aber Krankheit, so tue ich Alles gern.
Knebel bezeugt 1807, daß Goethe seinen Zustand „eine halbe Hypochondrie“ nannte, und im gleichen Jahre schreibt Frau Schopenhauer ihrem Arthur:
Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl; er ist nicht krank, aber er fürchtet, krank zu werden, und schont sich ängstlich ... Er kommt mir zuweilen etwas hypochondrisch vor, denn seine Krankheit verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in Gesellschaft wird, und Das geschieht so leicht.
„Ich finde höchst nötig“ schreibt Goethe selber wieder 1810, „mich von gewissen hypochondrischen Einflüssen zu befreien.“
Wir brauchen jedoch nur an seine Lebensarbeit zu denken, so wissen wir, daß er durch solche vorübergehenden Anfälle zwar der allgemeinen Gelehrten- und Zeitkrankheit seinen Tribut zahlte, daß er aber seiner Grundgesinnung nach das Gegenteil vom grämlichen, grilligen, selbstquälerischen Hypochondristen war. „Hypochondrisch sein heißt nichts Andres als: in’s Subjekt versinken“ sagte er selber 1814 zu Riemer; sein ganzes Streben aber ging auf Objektivität.
Er hatte so viel mit den Dingen außer sich zu tun, daß er wenig Zeit fand, sich selber zu beobachten, und er wußte, was bei fleißiger Selbstbeobachtung herauskommt: daß man sich nämlich krank und bedroht findet. Man darf den Dichter mit keinem seiner dramatischen Helden ganz gleich stellen, aber recht nahe kommen seiner Gesinnung Egmonts Worte, „daß Der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt“, und ebenso Egmonts Fragen: „Leb ich nur, um auf’s Leben zu denken? soll ich den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß sei? und Diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?“
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Allerlei Krankheiten