Alle, die Goethe im Umgang mit Kindern sahen, rühmten sein großes Geschick, mit ihnen umzugehen. Der Jüngling war in der Liebe zu den kleinen Menschen seinem Werther gleich; noch der Großvater bewährte diese Liebe am schönsten. „Er hat die Natursprache in seinem Besitz“ schreibt ein Freiherr v. Stackelberg über den Achtzigjährigen. „Es war eine Lust, ihn mit Kindern, die immer ab und zu bei ihm vorkamen, sprechen zu hören, denn er hat eine rührende Art, sich mit ihnen zu unterhalten, spricht ganz in ihrem Sinne, darum sie auch an ihm hängen und ganz mit ihm vertraut sind.“ Es ist nicht ganz Zufall, daß die letzten Menschen, die sich rühmen konnten, Goethe noch gekannt zu haben, nämlich drei sehr alt gewordene Damen: die Witwe des Staatsmanns v. der Gabelentz, die Witwe des Bleistiftfabrikanten Hardtmuth und die Witwe des Malers Karl Hummel, alle drei erzählen konnten, daß sie als Kinder von Goethe auf den Schoß genommen und gehätschelt seien.
Der Großvater
Eine jüngere Schwester der Schwiegertochter, Ulrike v. Pogwisch, wuchs mit im Hause auf. Sie erzählte später:
Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘; Das mochte er gern. O, Das war eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete; doch durfte Diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab’s ein Gezwitscher: „Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit.“ Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig – er konnte oft so ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein – und sagte: „Beunruhigt nur die Kleine nicht, sie darf es.“
Ebenso durfte der Enkel Wolf im heiligsten Raume des Hauses, in des Dichters Arbeitsstube, eine Schublade des großen Tisches mit seinen Spielsachen vollpacken und sie täglich neu ordnen; Walter durfte mit seinen Bilderbüchern kommen und Erläuterungen verlangen, und Alma, die einzige Enkelin, trug ihre Puppen herbei. In dem Hausrock Goethes, der uns erhalten ist, steckt noch jetzt ein Puppenkopf. Der Großvater fütterte die Enkelkinder heimlich, wenn die Schwiegertochter sie nach der neuesten Lehre der Ärzte karg hielt. Und wenn die in der Mansarde wohnenden Kinder zu lärmend spielten, schickte er Frankfurter Gebäck hinauf; sie sollten um die einzelnen Stücke Lotto spielen: dabei mußten sie stillsitzen! Goethe war einundachtzig Jahre alt, als Eckermann und Gräfin Karoline Egloffstein einmal zusahen, wie der kleine Wolf seinem Großvater recht viel zu schaffen machte. Er kletterte auf ihm herum und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der andern. Goethe erduldete Alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. „Aber, lieber Wolf“, sagte die Gräfin, „plage doch deinen guten Großvater nicht so entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.“ – „Das hat gar nichts zu sagen“ erwiderte Wolf; „wir gehen bald zu Bette, und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz vollkommen wieder auszuruhen.“ – „Sie sehen“, nahm Goethe das Wort, „daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.“
[21] Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in dem Buche ‚Goethes Sohn‘.
XI.
Gesundheitspflege.
Die Hypochondrie
Mehr als heute galten zu Goethes Zeit die Angehörigen der gelehrten Stände für unfrohe, mißlaunige Menschen; man sprach gar viel von Hypochondern und Hypochondrie und meinte damit ein körperliches und geistiges Leiden, bald mehr körperlich, bald mehr geistig, das eben bei Männern, die in Studierstuben arbeiteten, sehr häufig war, etwa so wie die Hysterie beim andern Geschlechte. Die körperliche Krankheit hatte ihre Stätte, wie der Name sagt, unter dem Brustknorpel, und wurde als Milzsucht bezeichnet oder anderen Teilen des Unterleibs zugeschrieben; der Hämorrhoidarier war mit dem Hypochonder oft eine Person. Im geistigen Leben war die Hypochondrie eine in’s Krankhafte gesteigerte Empfindung der Übel und Nöte, entweder des allgemeinen Weltelends (Wertherstimmung, Weltschmerz) oder der besondern Verdrießlichkeiten, die Keinem erspart bleiben, oder der eigenen sittlichen Beschaffenheit (moralische Selbstbeobachtung, Tagebuchführen, Selbstquälerei, Gewissensbisse, Reue, Buße) oder der eigenen Gesundheitszustände, wobei immer neue bedenkliche Zustände des Körpers entdeckt und immer neue Kuren versucht werden.