Ich habe Vater ja,

Ich habe Frau,

Ich habe Kinder auch,

Doch keinen Freund!

Er schied!

Auf einer Reise nach Italien sollte und wollte er sich von Übeln und Fehlern befreien: in Rom erlöste der Tod den Vierzigjährigen von allen Übeln und Fehlern. Der Vater verbarg auch jetzt seinen Kummer, so gut es ging, und wenn er von dem Verstorbenen sprach, suchte er die lichten Seiten auf. Aber als er mit Riemer einmal auf häusliche Dinge und besonders auf elterliche Gefühle zu sprechen kam, traten ihm Tränen in’s Auge, und er wiederholte das Wort eines Franzosen: das Zarteste, was die Natur erschaffen habe, sei ein Vaterherz.

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August und Ottilie

„August kommt nicht wieder; desto fester müssen wir zusammenhalten“ sagte er zur Schwiegertochter, als die böse Nachricht aus Rom gekommen war. Diese Schwiegertochter, Ottilie v. Pogwisch, machte ihm viel Kummer. Das Treiben Ottiliens sei hohl, leer, es sei weder Leidenschaft, Neigung, noch wahres Interesse, es sei nur eine Wut, aufgeregt zu sein, ein abenteuerliches Treiben: so sagte er zum Kanzler einmal im Zorn über die beständigen Liebschaften Ottiliens mit den Engländern, die in Weimar lebten. Aber in der Regel lobte er, was gelobt werden konnte, und war gegen sie von größter Güte. Das Kränkende ward entschuldigt und vergessen; Ottilie blieb sein Töchterchen bis zu seiner letzten Stunde.

So sahen denn die Gäste trotz aller häuslichen Nöte im Goethehause manches schöne Familienbild. Als der böhmische Freund Grüner 1825 kam, führte ihm Goethe seine Enkel Wolfgang und Walter zu. „Sehen Sie meinem Wolf in die Augen“ sagte er; „es spricht so etwas heraus, daß ich meinen sollte, er werde ein Dichter. Mein Sohn hat keine Anlage dazu, wohl aber ist er auf seinem Platz als Kammerrat. Er versieht auch meine ganze Wirtschaft, um die ich mich nicht zu kümmern brauche. Meine Enkel machen mir viele Freude; sie werden gut erzogen. Meine Schwiegertochter ist eine einsichtsvolle, in Sprachen geübte, im Umgange in höhern Zirkeln gewandte, unterrichtete Hausfrau. Sie dürften sich selbst bei der Soirée überzeugt haben, wie sie jeden Gast empfangen und sich bemüht hat, Jeden nach Höflichkeit zu unterhalten.“ – „Ich bewunderte“ antwortete Grüner „ihren edeln Anstand, ihr einnehmendes Wesen und ihre Sprachkenntnisse.“ – „Nun müssen Sie auch“ fuhr Goethe fort „die Sammlung meines Sohnes im Gartenhause ansehen, welches er sich für seine Passion für Petrefakte ganz eingeräumt hat.“