Gerade dem häuslichen Goethe war wenig häusliches Glück beschieden: die Gattin blieb ihm eine Halbfremde, der Sohn wurde kein glücklicher Mann, und die Schwiegertochter erfüllte seine Hoffnungen nur zum kleinsten Teile. Es kamen Zeiten, wo der alte Dichter den Sohn oder die Tochter wochenlang nicht sehen mochte und einem vertrautesten Freunde gegenüber heftig auf sie schalt. Immer wieder entschloß er sich jedoch zu freundlichster Duldsamkeit als zu dem einzigen Mittel, solche unabänderlichen Übel zu mildern. Er lobte den Sohn und die Schwiegertochter, soviel er nur konnte, stellte ihre Vorzüge in das hellste Licht und bestärkte sich immer wieder in seiner alten Gesinnung, daß man von Kindern und jüngeren Menschen nicht die Eigenschaften verlangen darf, die wir als Tugenden der älteren Jahre schätzen, und daß der Mann sich hüten muß, männliche Art von Frauen zu erwarten.

Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,

So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,

Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.

Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,

Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene Weise

Gut und glücklich.

Schon ehe er selber Kinder hatte, war er ein eifriger Beschützer der Kinder gegen die Erwachsenen. „Ein Blatt, das groß werden soll, ist voller Runzeln und Knittern, eh’ es sich entwickelt; wenn man nicht genug Geduld hat und es gleich so glatt haben will wie ein Weidenblatt, dann ist’s übel.“ So schrieb er an seinen Freund Jacobi in Düsseldorf, dessen Sohn schwer zu erziehen war. Der Vater – die treffliche Mutter war schon tot – hatte ihn zu Matthias Claudius nach Wandsbek zur Erziehung geschickt, danach zu der edeln Fürstin Gallitzin nach Münster; doch der Knabe tat nicht gut. Goethe redete immer zu Geduld: „Ich mische mich nicht gern in dergleichen Sachen ... aber das Kind dauert mich: es ist doch Dein und Bettys Kind und gewiß nicht zum Bösewicht, zum Nichtswürdigen geboren.“ Der Knabe wurde in der Tat kein Bösewicht, sondern ein preußischer Geheimer Regierungsrat.

Diese Duldsamkeit zeigte Goethe auch im eigenen Hause immer wieder. Der Sohn ist schon in seiner Kindheit von Charlotte v. Stein richtig gezeichnet: „Ich kann manchmal in ihm die vornehme Natur des Vaters und die gemeinere der Mutter unterscheiden. Einmal gab ich ihm ein neues Stück Geld; er drückte es an seinen Mund vor Freuden und küßte es, welches ich sonst am Vater auch gesehen habe. Ich gab ihm noch ein zweites dazu, und da ruft er aus: Alle Wetter!“ August v. Goethe war ein schöner, stattlicher Mann, als Gehülfe seines Vaters und als Beamter wohl brauchbar, schließlich aber aus dem Geleise geratend, dem Weingeist verfallend, als untreuer Gatte einer untreuen Gattin zu Hause nicht glücklich, als mittelmäßig Begabter von der Größe seines Vaters bedrückt. Holtei schildert ihn, wie er ihn 1829 sah: „Seine Heiterkeit war wild und erzwungen, sein Ernst düster und schwer, seine Wehmut herzzerreißend; dabei suchte er aber immer eine gewisse Feierlichkeit der Formen zu bewahren, die oft wie eine unbewußte Nachahmung des Vaters erschien und sich deshalb im Gegensatz zum sonstigen Tun und Treiben gespenstig ausnahm.“ Und August selber läßt uns in sein Unglück hineinsehen durch Zeilen, die er Schillers Sohn Ernst in’s Stammbuch schrieb, als Dieser nach einem Besuche Weimars wieder abreiste:

Bin ich denn ganz allein?