Doch aber zugleich am besten verstände,
Wie ich mich selbst am besten befände.
Und Christiane dankte ihm alle seine Liebe. Sie war eine brave Hausfrau, die außer ihrem „Geheimen Rat“ und dem einzigen Sohne, der von fünf Kindern am Leben blieb, noch die vielen Gäste in sorgenden Gedanken trug. Unter der schwersten eigenen Last zeigte sie Jedermann ein munteres Wesen. Manchmal sprach sie ihre Not brieflich gegen einen fernen Freund aus, den Arzt Nikolaus Meyer in Bremen, mit dem sie fröhliche Stunden auf Bällen und Redouten vertanzt hatte. „Ich lebe ganz still und sehe fast keinen Menschen“ schrieb sie im April 1803, „das Theater nur ist meine Freude, denn wegen dem Geh. Rat lebe ich sehr in Sorge; er ist manchmal ganz hypochonder, und ich stehe oft viel aus; doch trage ich Alles gerne, da es ja nur krankhaft ist, habe aber so gar Niemanden, dem ich mich vertrauen kann. Schreiben Sie mir aber hierauf nichts, denn man muß ihm ja nicht sagen, daß er krank ist; ich glaube aber, er wird wieder einmal recht krank.“ Goethe ahnte nicht, welche Angst Christiane um ihn trug; er sah sie fast immer mit fröhlichem Gesicht. „Eine stille, ernsthafte Frau ist übel daran mit einem lustigen Manne, ein ernsthafter Mann nicht so mit einer lustigen Frau“ meinte er später einmal zu Riemer, und Der dachte sich dabei: „So dankt er Gott, daß er nicht nötig hat, lustig zu sein!“ Sie war namentlich eine treffliche Vermittlerin zu den Schauspielern und eine erwünschte Berichterstatterin über die Aufführungen. Aber auch sonst nahm sie an seinem geistigen Schaffen einen bescheidenen Anteil. Er betrachtete sie als seine Gattin, obwohl kein Priester ihren Bund gesegnet hatte. Und allmählich entstand in ihm der Entschluß, zu ihrem und seines Sohnes Vorteil die Ehe auch gesetzlich gültig zu machen. Dieser Entschluß verstärkte sich im Frühjahr 1806, weil damals Christianes Tante und Schwester starben, so daß sie nun keinen Frauen-Anhalt mehr im Hause hatte, gleichsam zu Niemand mehr gehörte. Als dann nach der Schlacht bei Jena die als „Wirtschafterin“ behandelte Person den französischen Soldaten, die auf Goethe sogar mit den Waffen eindrangen, mutig entgegengetreten war, als sie ihm vielleicht das Leben gerettet hatte, da war die rechte Stunde gekommen.
**
*
Es war und blieb nur eine halbe Ehe, aber beide Teile verlangten nichts Unmögliches voneinander und fühlten sich auch in der halben Ehe ziemlich wohl. Christiane redete ihren Geheimrat nach wie vor mit Sie an und lebte gewissermaßen ein Stockwerk tiefer als ihr Gatte. Dem Fremden klang es wunderlich, wenn bei einem Mittagessen im Goethe-Hause die Frau v. Goethe, die vielleicht eine Ausfahrt mit ihrer Gesellschafterin vorhatte, ihren Gatten fragte: „Erlauben Sie, daß wir uns zurückziehen?“ Wohl hatten sie einen gemeinsamen Freundeskreis, aber Jeder hatte daneben seine besondere Welt von Bekanntschaften und Neigungen. Goethes Genossin erfreute sich Dessen, daß er die Frauen gut kannte und ihnen das Recht, ihrer Natur nachzuleben, willigst einräumte und daß er die Eigenart jeder Persönlichkeit zu achten gewohnt war. Die Freiheit, deren er selber bedurfte, gönnte er auch der Gattin. Er konnte und wollte es sich nicht versagen, andere Mädchen und Frauen schön und liebenswert zu finden und ihr freundliches Lächeln zu genießen: so gestattete er auch Christianen das „Äugeln“ und scherzte mit ihr darüber. Da sie überaus gern tanzte, ließ er sie allein auf Bälle gehen, und die Leute mochten reden, was sie wollten. „Meine Frau besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal“ berichtet er an Bettina v. Arnim, während er selber in Karlsbad an Silvie v. Ziegesar seine Freude hat. Und dann heißt es an Christiane: „Fräulein Silvie ist gar lieb und gut, wir haben viel zusammen spaziert; was sich in diesem Kapitel bei Dir ereignen wird, erfahre ich doch wohl auch.“ Ein anderes Jahr schreibt er wieder aus Karlsbad nach Lauchstädt: „Ich zweifle nicht, daß alter und neuer Äugelchen vollauf sein wird; dazu wünsche auch Glück; macht euch in jener Gegend so viel Freude wie möglich!“ Und wie milde klingt auch seine Warnung aus etwas jüngeren Jahren: „Mit den Äugelchen geht es, merke ich, ein wenig stark; nimm Dich nur in acht, daß keine Augen daraus werden!“ Die große Wahrhaftigkeit zwischen Beiden lesen wir auch aus einem Briefe heraus, in dem er erwähnt, daß er bei Frommanns in Jena Minchen Herzlieb wiedergesehen habe. „Sie ist nun eben ein paar Jahre älter“ schreibt er seiner Frau, „an Gestalt und Betragen aber immer noch so hübsch und so artig, daß ich mir gar nicht übelnehme, sie einmal mehr als billig geliebt zu haben.“ Aber wenn er denkt, daß Christiane wohl auf seine feinen und gelehrten Freundinnen eifersüchtig sein könnte, beeilt er sich stets, ihr zu sagen, wie viel lieber sie ihm sei. Sie mag zuweilen nicht ohne Sorge an das andere Ende der Ackerwand gedacht haben, wo Frau v. Stein wohnte, die nach bitterem Gegensatz langsam wieder seine Freundin wurde; da weiß er ihr gar zart zu sagen, daß er doch nur mit ihr ganz einig, ganz heimisch sei. Als er mit einer andern hochgebildeten Dame, Marianne v. Eybenberg, in Karlsbad in einem Hause wohnte, beruhigte er sie: „Mit der lieben Hausfreundin bleibt’s, wie ich Dir schon gesagt habe; so angenehm und liebreich sie ist, so gehn wir doch nicht auseinander, daß sie nicht etwas gesagt hätte, was mich verdrießt. Es ist wie in der Ackerwand.“
Und in jedem Briefe bemühte er sich, eine Freude für sie anzubringen, ein neues Geschenk anzumelden. „Ich lege abermals ein Endchen Spitze bei, daß ja keine Sendung ohne eine kleine Gabe komme. Lebe recht wohl, liebe mich!“ – „Auch bringe ich Dir eine silberne Tee- und Milchkanne mit, zu der ich zufälligerweise ohne sonderliche Kosten gekommen bin.“ – „Ein recht zierliches Unterröckchen und einen großen Shawl nach der neuesten Mode bring ich Dir mit. In Kassel kannst Du Dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid; sie haben die neuesten Waren so gut als irgendwo.“ Immer wieder denkt er daran, sie zu schmücken, und lebt ihre kleinen Freuden mit. „Schreibe mir ja, wie das schwarzseidene Kleid geraten ist und wann Du es zum ersten Male angehabt hast“ bittet er 1797 aus Frankfurt, und eine Woche später heißt es: „Ich bin recht wohl zufrieden, daß Du Dir die goldenen Schnuren anschaffst und Dich recht hübsch herausputzest.“
Und immer wieder versüßt er ihre Tage mit Liebesworten und spricht aus der Ferne von seinem Verlangen nach ihr und ihrem Kinde. „Mit Freuden werde ich Koppenfelsens Scheungiebel [seinem Hausgarten gegenüber] wiedersehen und Dich wieder an mein Herz drücken und Dir sagen, daß ich Dich immerfort und immer mehr liebe.“ „Lebe recht wohl und behalte mich so von Grunde des Herzens lieb wie ich Dich“ ist ein Briefschluß wie viele andere. Klagte sie ihm aber in ihrer ungelenken, naiven Ausdrucksweise, in ihrer sehr volkstümlichen Wortschreibung, daß die Leute wieder so schlecht über sie gesprochen hätten, daß etwa Frau v. Staël boshaft über sie hergezogen sei, da tröstet er sie mit schönen Worten und schließt: „Wir wollen in unserer Liebe verharren und uns immer knapper und besser einrichten, damit wir nach unsrer Sinnesweise leben können, ohne uns um Andere zu bekümmern.“
**
*
Die Kinder, „so, wie Gott sie uns gab“
Am Sohne,[21] an der Schwiegertochter, an den drei Enkelkindern bewährte Goethe dieselbe Duldsamkeit, dieselbe Anerkennung der Persönlichkeit und ihres jeweiligen Zustandes, dieselbe immer neue Güte.