Als Kind hatte er nicht bloß die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, sondern auch die schwarzen Pocken, die Spuren hinterließen. Als achtzehnjähriger Student bekam er im Herbst 1767 einen Blutsturz und schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Als er sich dann ein wenig erholt hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, stand er vor seinem Vater als ein Kränkling, der noch mehr an der Seele als am Körper zu leiden schien. Bald erkrankte er wieder so schwer, daß man im Dezember 1768 zwei Tage lang für sein Leben fürchtete. Die Frankfurter Ärzte meinten, seine Krankheit stecke nicht sowohl in der Lunge als in den dazu führenden Teilen, und unser Neunzehnjähriger befand sich im Elternhause nur so gut, „als ein Mensch, der im Zweifel steht, ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann.“ Mehr als ein Jahr verging, ehe er melden konnte: „Mein Körper ist wieder hergestellt“, und da fügte er hinzu: „aber meine Seele ist noch nicht geheilt.“ Bei der Heimkehr von Straßburg war er körperlich gesünder; „aber in seinem ganzen Wesen zeigte sich doch etwas Überspanntes, welches nicht völlig auf geistige Gesundheit deutete.“ Wenn wir seine Briefe aus jener Zeit lesen, auch noch die 1775 und 1776 an Gräfin Auguste Stolberg gerichteten, haben wir diesen Zustand schwarz auf weiß vor uns.

Kränklichkeit

Auch in Weimar war er oft krank; er wollte Das auf das „infame Klima“ Thüringens schieben, aber wir kennen dieses Klima als sehr gesund, wenn es auch etwas rauh ist. „Es stickt etwas in mir“ hat er manchmal zu Charlotte v. Stein geklagt. Kräftig erscheint er auch nicht, wenn er 1781 der besorgten Mutter schreibt: „Meine Gesundheit ist weit besser, als ich sie in vorigen Zeiten vermuten und hoffen konnte, und da sie hinreicht, um Dasjenige, was mir aufliegt, wenigstens großenteils zu tun, so habe ich Ursache, damit zufrieden zu sein.“ Häufig waren jetzt sowohl die Verdauungsstörungen wie die Erkältungen. Sein Häuschen an der Ilm bot gar zu wenig Schutz gegen das Wetter; übrigens hatte er sein ganzes Leben darunter zu leiden, daß die Wohnhäuser und Gasthäuser und auch die Fürstenschlösser im Winter nicht durchweg warm gehalten wurden, so daß man oft in überheizten, oft in sehr durchkälteten Räumen sich aufzuhalten gezwungen war.

1785 sah er ganz faltig und abgearbeitet aus; Karl August verglich ihn mit einem ausländischen Gewächs, das, in ein rauheres Klima verpflanzt, unter jedem bösen Wetter leide und viel Zeit brauche, sich wieder herzustellen. 1786 suchte er wegen seiner gichtischen Zustände, die ihm große Schmerzen in den Beinen machten, zum ersten Male das Karlsbad auf. Von da ging er heimlich nach Italien. „Die Hauptabsicht meiner Reise war, mich von den physisch-moralischen Übeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten.“ Auch nach der Heimkehr besuchte er regelmäßig im Sommer Bäder zu seiner Erholung; zwölfmal war er in Karlsbad, dreimal in Marienbad, und ebenso suchte er in Teplitz, Eger, Wiesbaden, Pyrmont, Tennstädt, Lauchstädt und Berka Besserung. Daheim trank er ziemlich regelmäßig die heilsamen Wasser, die von diesen Quellen versandt wurden: Pyrmonter, Egerer, Kreuzbrunnen usw. Die Ärzte waren oft mit ihm beschäftigt. Nur diesen Kuren, Reisen und Badezeiten schrieb er es zu, daß er arbeitsfähig blieb.

Auch in älteren Tagen ist er noch einige Male so schwer krank gewesen, daß man alle Hoffnung aufgab oder ihn bereits tot sagte, so im Januar 1801, im März und April 1805 und im Februar 1823. Er ist viele Wochen nicht aus dem Zimmer gekommen. Selbst wenn er nicht darniederlag, traute man ihm gewöhnlich keine lange Lebensdauer mehr zu. Die beste Kennerin seiner Zustände, Christiane, dachte um 1800, man müsse ihn seine letzten Jahre noch recht pflegen und schonen. „Goethe ist schon wieder krank gewesen“ meldete im März 1806 ihr Bruder Vulpius einem Hausfreunde; „monatlich kommt sein Übel zurück und macht ihn sehr mürbe; es sind böse Hämorrhoidalzufälle.“ Und der mißgünstige Friedrich Schlegel sagte 1803 „kalt-grinsend“ zu Öhlenschläger: „Der alte Kerl hat faule Nieren und wird’s nicht lange mehr machen.“

Empfindlichkeit

Zu diesen Krankheiten kam bei ihm eine beständige geistige und leibliche überfeine Empfindlichkeit. Das Wort „sinnlich“ hat er viel gebraucht, weil er selber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes sehr sinnlich war; d. h. seine Sinne waren alle feinfühlend, kräftig auf Reize wiederwirkend. Das ist ein physischer Grund seiner genialen poetischen Leistungen; es war ihm aber im Leben oft recht unbequem. Eckermann drückte am 20. Dezember 1829 seine Verwunderung aus, daß man bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten, so häufig eine schwächliche Konstitution finde; Goethe erwiderte:

Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.

Vor allem brauchte er Licht und Wärme; den Winter haßte er. Den Dezember und Januar nannte der junge Voß 1804 „Goethes Faullenzermonate“: „Er kränkelt da fast jedes Jahr, ohne eben krank zu sein.“ Und 1813, Ende Oktober, just nach der Schlacht bei Leipzig, schrieb die Gräfin O’Donell aus Wien an ihren weimarischen Freund, er solle nun schon anfangen, sich in Baumwolle einzuwickeln. Goethe selber fand die stärksten Ausdrücke für seinen Abscheu gegen die kurzen, dunkeln Tage, die niederhängenden Wolken und das Schlackerwetter. Im Dezember 1803, nach Herders Tode, erklärte er, er begreife recht gut, daß Heinrich III. von Frankreich den Herzog von Guise erschießen ließ, bloß weil es fatales Wetter war, und er beneide Herdern, weil er jetzt begraben werde. Der 21. Dezember war ihm ein Festtag, an dem er ausrief: „Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!“ Italien liebte er wegen seiner Fülle des Lichts und seiner warmen Luft; es war ihm, als ob er hier geboren und aufgewachsen wäre „und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ Nur mit Schaudern dachte er an die norddeutsche Heimat mit ihren grauen, tiefen Wolken und naßkalten Winden, die uns immer wieder in die Stube zwingen.

In seinen letzten Lebensjahren konnte er zwar recht lange in geschlossener und überheizter Zimmerluft aushalten, aber sonst gehörte reine Luft zu den Bedingungen seines Wohlbefindens. Schiller mußte faule Äpfel in der Schublade seines Arbeitstisches haben; Goethe bekam sogleich eine Übelkeit, als er an diesem Tische saß, ohne dessen eigentümlichen Inhalt zu ahnen. „Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift.“ Schiller, Karl August, Knebel und fast alle andern Freunde rauchten; Goethe litt sogleich, wenn er in einem Zimmer sein mußte, wo Tabak und Pfeifen dünsteten. Seine Christiane stellte einmal als sparsame Hausmutter Schweine in einen Stall: sie mußten abgeschafft werden, sobald Goethe den Geruch merkte. Sein Geschmackssinn war ebenso fein, wie sein Geruch. Vom Tee sagte er, daß er wie Gift auf ihn wirke, und ebenso nahm er sich vor dem Kaffee in acht und warnte Andere davor. Knoblauch übte nach seinem eigenen Ausdruck „selbst in der geringsten Dosis höchst gewaltsame Wirkungen“ auf ihn aus. Auch viele Sorten Wein konnte er nicht vertragen oder er lehnte sie von vornherein als Gift ab. Ähnlich ging es ihm mit dem Biere. Dr. Vogel, sein letzter Arzt, hat uns berichtet, daß er ebenso gegen Medizin ungewöhnlich empfänglich und empfindlich war, so daß ihm schwächere Dosen verschrieben werden mußten, als sonst üblich waren.