Namentlich aber richtete sich sein Befinden auch nach dem Barometer; bei hohem Barometerstande fühlte er sich am wohlsten; stand es niedrig, so war ihm sehr schwer, anders als mißmutig und untätig zu sein. Körperliche Schmerzen griffen ihn sehr an; er fürchtete sie, während er den Tod gar nicht fürchtete. Gar nicht leiden konnte er es, wenn die Leute nach seinem Befinden fragten oder etwa sagten, er sähe wohler aus als das letztemal; er mochte über seine Gesundheitszustände nicht sprechen, außer zum Arzt.

**
*

Trotz alledem waren sowohl die leiblichen wie die geistigen Leistungen Goethes bis in’s höchste Alter hinein bewunderungswürdige. Seinen Schwächen müssen also größere Kräfte gegenübergestanden haben; seine Lebensweise muß im Ganzen gut gewesen sein, zumal da er mit den Jahren eher gesünder als kränklicher wurde.

Von Haus aus besaß er zwei große Hülfen zur Gesundheit und Arbeit: einen vortrefflichen Appetit und einen guten Schlaf. Was den Schlaf angeht, so machte es ihm nicht viel aus, ob er dabei lag oder saß, angekleidet oder ausgezogen, im eigenen Bett oder anderwärts war. Auch eine Fülle von Blutleben trug zu seiner Gesundheit viel bei; noch im Alter schienen dem Arzte Aderlässe notwendig; Hufeland, der zehn Jahre lang sein Arzt war, bezeichnete die Produktivität als den Grundcharakter auch seines körperlichen Lebens.

**
*

Wertung der Gesundheit

Aber auch seine gesundheitlichen Ansichten und Gewohnheiten waren trotz aller Sorglosigkeit besser, als man für jene Zeit voraussetzen darf. Zuerst wertete er die Gesundheit und Strapazentüchtigkeit höher als andere Geistesarbeiter um ihn herum. Schon als Student wußte er, daß man den Körper um der Seele willen pflegen muß. Als ein junger Freund ihm seine Not klagte und über Heiraten und andere Dinge beraten sein wollte, antwortete Goethe mit der Frage: „Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“ und fuhr fort: „Ich bitte Sie: sorgen Sie doch für diesen Leib mit anhaltender Treue! Die Seele muß nun einmal durch diese Augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist’s in der ganzen Welt Regenwetter.“ Der Einundzwanzigjährige sprach das schon aus eigener Erfahrung: „Es war eine Zeit, da mir die Welt so voll Dornen schien, als Ihnen jetzo. Der Himmelsarzt hat das Feuer des Lebens wieder in mir gestärkt, und Mut und Freude sind wieder da.“[22] Wieland entschuldigte seine dürren Beine mit dem Scherze, er sei noch aus der Zeit, wo die Genies ihre Kraft im Kopfe hatten; Goethe verlangte auch von Gelehrten und Beamten brauchbare Gliedmaßen und einen gesunden Körper. Daß Schiller so oft aussah, als würde er keine vierzehn Tage mehr leben, und daß er nicht das Rechte gegen seine Kränklichkeit tat, bedrückte ihn oft. Da lobte er sich Napoleon, der „vom brennenden Sande der syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau eine Unsumme von Märschen, Schlachten und Biwaks ertrug, der bei wenig Schlaf und wenig Nahrung sich der höchsten geistigen Tätigkeit hingab: wenn man bedenkt, was Der alles durchgemacht und ausgestanden!“ „Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar bucklig[23] dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen Körper hat.“

Der Wille zur Gesundheit

Goethe hatte namentlich einen kräftigen Willen zur Gesundheit, und er selber schrieb diesem Willen große Wirkungen zu. „Es ist unglaublich,“ sagte er einmal, „wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag.“

Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun Dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.