Ein andermal rühmte er an seinem Helden Napoleon, daß er die Pestkranken besucht habe, um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne.

Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wie ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.

Als Sachsen-Weimar zum Großherzogtum erhoben war und die Huldigung des nunmehrigen Großherzogs bevorstand, war Goethe bettlägerig. Es schien unmöglich, daß er an jenem Palmsonntag 1816 an seinem Platze sein könne, aber Napoleons Ausspruch kam ihm in’s Gedächtnis: „L’empereur ne connaît autre maladie que la mort“, und er ließ an Hof sagen, wenn er nicht tot wäre, könne man auf ihn rechnen. Die Natur schien sich diesen tyrannischen Spruch zu Gemüte zu ziehen: er stand zur rechten Zeit an seinem Platze, rechts zunächst am Throne; er konnte auch noch bei Tafel allen Schuldigkeiten genug tun; dann zog er sich zurück, legte sich wieder in’s Bett und wartete auf einen neuen kategorischen Imperativ, der krank zu sein nicht gestattete.

Ein andermal schrieb Goethe einem starken Geiste sogar die Kraft zu, den Körper zu einer zweiten Jugend zu zwingen. Er sprach am 11. März 1828 mit Eckermann über einige bekannte alte Herren, denen im hohen Alter die nötige Willenskraft und jugendliche Beweglichkeit im Betriebe der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte nicht zu fehlen schienen.

Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben eine wiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie[24] nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben; vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.

Eine andere Art, wie der Geist auf den Körper einwirkt, berühren wir mit den Worten Leidenschaft und Ruhe, Lebenslust und Verbitterung. Goethe kannte Weltschmerz und Leidenschaftlichkeit an sich selber nur zu gut, aber gegen beide kämpfte er beständig an. Als 1830 Karl Augusts Witwe gestorben war, deren stets sich gleich bleibendes Wesen er oft lobte, kam er gegen Eckermann und Soret auf die berühmte Ninon de l’Enclos zu sprechen und pries ihren Gleichmut und ihre Lebenslust ohne verzehrende Leidenschaftlichkeit; bekanntlich blieb jene Ninon bis in ihr achtzigstes Jahr so jugendlich schön, daß sie Liebhaber anzog und beglückte.

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Verweichlichung im Elternhause

Goethes Dienst an seiner Gesundheit ging also namentlich aus der von ihm gewollten Herrschaft des Geistes über den Körper hervor; zu diesem Dienst gehörten namentlich: Frühaufstehen, Bewegung und Abhärtung.

Im Hause des Kaiserlichen Rats Goethe wurden die Kinder verweichlicht; ihr Vater dachte fast nur an die geistige und gelehrte Erziehung. Kornelia Goethe verpimpelte, so daß sie als junge Frau vor jedem Winde oder Regen sich ängstlich im Hause hielt und auch bei der Arbeit nie kräftig zuzugreifen wagte. Auch ihr Bruder Wolfgang wurde vor dem abhärtenden Leben der Knaben, das sich auf den Straßen abspielt, behütet und war nie Das, was man unter einem richtigen Jungen versteht. Er wandelte also mit sechzehn Jahren als ein zarter Gelehrter herum. Dann als Student begann er mit der Abhärtung, und zwar unter dem Einfluß Rousseaus und mit arger Übertreibung. Daher rührte zum Teil seine Leipziger Krankheit; kalt Baden, hartes, schlecht bedecktes Lager nennt er selber unter den unvernünftig angewendeten Mitteln, der Natur nahe zu kommen.