In Straßburg fühlte er sich nach den langen Krankheitswochen, die er im Vaterhause eben ertragen hatte, als ein Genesender; aber eine zurückgebliebene übermäßige seelische Reizbarkeit brachte ihn oft aus dem Gleichgewicht.

Ein starker Schall war mir zuwider; krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu; besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätte zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und Alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfière in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des ältern Dr. Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohnes in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß Nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungen der Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahnungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen, und was hiermit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war.

Schulung des Körpers

In körperlichen Übungen war Goethe mit zwanzig Jahren noch sehr zurückgeblieben, schon weil er das Landleben nicht kennen gelernt hatte. Er konnte nicht schwimmen oder rudern oder ein Boot lenken, auch nicht Schlittschuh laufen. Wir wissen von keiner erheblichen Fußwanderung in seinen drei Leipziger Jahren und nur von einer einzigen kleinen Reise. Ehe er zur Universität gesandt wurde, hat er ein wenig Fechten und ein wenig Reiten gelernt. In Leipzig machte er ein paar Male den Sonntagsreiter. In Straßburg dagegen fing er an, größere Reisen zu Pferde zu machen. Und jetzt schaute er sich auch wirklich in dem Lande um, wohin ihn das Schicksal gesetzt hatte. „Die Straßburger sind leidenschaftliche Spaziergänger“ erzählt Goethe in seinen Erinnerungen; jedenfalls betrieb er selber jetzt das Spazieren, Herumstreifen und weite Wandern in viel höherem Maße als zuvor. Und Das setzte er fort, als er nach Abschluß seiner Studien wieder in der Vaterstadt lebte, jetzt als Rechtsanwalt und Dichter. Die Freunde in Darmstadt und im Rheingau nannten ihn geradezu den Wanderer, weil er in großen Fußmärschen die weitere Umgebung der Vaterstadt durchforschte und seine Geistesverwandten aufsuchte. Nach dem Wetter fragte er wenig; für den Straßenkot fand er die gelehrte Formel „Deukalions Flutschlamm“, und noch freundlicher klingt die andre Umschreibung:

Das ist Wasser, Das ist Erde

Und der Sohn des Wassers und der Erde,

Über den ich wandle

Göttergleich!

Dies ganze Gedicht ‚Wanderers Sturmlied‘ ist ein Gesang der Abhärtung:

Wen du nicht verlässest, Genius,