Die Kneipszene im ‚Faust‘, die in der ersten Fassung noch derber lautete, zeigt uns, wie er schon als junger Mann das Völkchen beurteilte, von denen Mephisto sagt: „Merks! den Teufel vermuten die Kerls nie, so nah er ihnen immer ist.“ „Du Mastschwein!“ läßt er Faust zu Siebel in jener ersten Fassung sagen. Als Dreiundzwanziger wußte er bereits, daß wir die reinste Heiterkeit nur genießen, wenn wir frei vom Weine sind: „Die heiligen Götter gaben mir einen frohen Abend; ich hatte keinen Wein getrunken, mein Auge war ganz unbefangen über die Natur, ein schöner Abend!“ Als ihn in Frankfurt 1775 die jungen Grafen Stolberg besuchten und bei Tische in den poetischen Tyrannenhaß ausbrachen, in den sie mit ihren Freunden im Göttinger „Hain“ sich hineingedacht hatten, holte ‚Frau Aja‘ ihre besten Weine aus dem Keller: „Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt euch, aber alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!“ Begeistert griff Goethe das Wort seiner Mutter auf. „Jawohl, Tyrannenblut!“ rief er aus, „keinen größeren Tyrannen gibt es als Den, dessen Herzblut man euch vorsetzt. Labt euch daran, aber mäßig! Denn ihr müßt befürchten, daß er euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Weinstock ist der Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte; zum Patron sollten wir deshalb den heiligen Lykurgus, den Thrakier, wählen und verehren ... Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann, zugleich Heuchler, Schmeichler und Gewaltsamer. Die ersten Züge seines Blutes munden euch, aber ein Tropfen lockt den andern unaufhaltsam nach.“

Als Goethe nach Weimar kam, sagten die Leute allerdings bald: der Herzog werde sich totzechen, und sein Abgott, der junge Frankfurter Doktor, habe ihn dann auf dem Gewissen. Auch vom achtundzwanzigjährigen Goethe redete man in Berlin, von ihm sei nichts mehr zu erwarten, da er in kurzer Zeit vom Branntwein ruiniert sein werde. Daß der Fürst wie der Dichter mit höchsten Ehren ihr Fünfzigjahre-Jubiläum feiern würden, ahnte auch der würdige Klopstock nicht, als er einen wohlgemeinten Ermahnungsbrief an den Verführer Karl Augusts richtete. Auch Klopstock warnte: „Der Herzog wird, wenn er sich ferner bis zum Krankwerden betrinkt, anstatt, wie er sagt, seinen Körper dadurch zu stärken, erliegen und nicht lange leben.“

Aber sehr bald nach dieser tollen Einleitung sehen wir, wie der junge Goethe als fleißiger Staatsbeamter die verdrießlichsten Arbeiten übernimmt, und abends schreibt er vielleicht in sein Tagebuch: „Daß ich nur die Hälfte Wein trinke, ist mir sehr nützlich; seit ich den Kaffee gelassen, die heilsamste Diät.“ So im Januar 1779; am 7. August klingt es fast wie ein Gebet:

Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst viel im Wege stehn! Lasse uns von Morgen bis Abend das Gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Daß man nicht sei wie Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zuviel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!

In dieser Vorsicht gegen den Wein verharrte er diese ganzen arbeitsreichen Jahre. „Seit drei Tagen keinen Wein“ schreibt er am 1. April 1780. „Sich nun vor dem englischen Bier in acht nehmen. Wenn ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich.“ Im gleichen Monat schreibt er eines Abends sehr befriedigt: „War sehr ruhig und bestimmt .... Ich trinke fast keinen Wein. Und gewinne täglich mehr in Blick und Geschick zum tätigen Leben.“ Im Sommer 1780 kommt er im Tagebuch nochmals auf den Wein zurück: „Man könnte noch mehr, ja das Unglaubliche tun, wenn man mäßiger wäre;“ freilich kann hier auch andere Mäßigkeit gemeint sein. Und ähnlich klingt es noch 1786 aus Italien an die geliebte Freundin: „Ich lebe sehr mäßig; den roten Wein der hiesigen Gegend [Vicenza], schon von Tirol her, kann ich nicht vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser wie der heilige Ludwig.“ Das Jahr vorher hatte er seinem Freunde Jacobi im Scherz vorgeschlagen, er wolle ihm den Fritz v. Stein als Mann für sein Töchterchen erziehen: „Aber gib ihr nicht Punsch zu trinken und das andere Quarks! Halte sie unverdorben, wie ich den Buben, der an die reinste Diät gewöhnt ist.“

Da Goethes Dichten stets ein Widerschein seines Lebens war, so finden wir in seinen Versen aus der ersten Hälfte seines Lebens kaum ein Lob des Trinkens. Dagegen tadelt er durch Antonios Mund seinen Tasso, der die erste Pflicht des Menschen, „Speis’ und Trank zu wählen“, töricht erfüllt.

Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?

Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,

Eins um das andere schlingt er hastig ein,

Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,