Reichlich und ärmlich
Wenn Goethe allein war, da war von vielen Gängen keine Rede. Im Gartenhause aß er, was Frau v. Stein gerade geschickt hatte, oder ließ sich von seinem Diener einen Eierkuchen backen; manchmal, wenn nichts da war, ging er auch hungrig zu Bett. Später hat er namentlich in seiner jenaischen Zuflucht erbärmliche Kost oft wochenlang ausgehalten. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich vier, fünf Tage bloß von Zervelatwurst und rotem Wein gelebt;“ solche Klagen bekam Christiane von Jena aus oft zu hören.
Ich bitte Dich also auf’s allerinständigste, mir mit jedem Botentage etwas gutes Gebratenes, einen Schöpsenbraten, Kapaun, ja einen Truthahn zu schicken, es mag kosten, was es wolle, damit wir nur zum Frühstück, zum Abendessen, und wenn es zu Mittag gar zu schlecht ist, irgend etwas haben, was sich nicht vom Schweine herschreibt.
Einmal schreibt er befriedigter:
Die Götzen kocht nicht übel; nur, weil sie im Ofen kocht, sind die Sachen wohl einmal rauchrigt.
Lieblingsspeisen
Eine andere Aufwärterin, die Schloßkastellanin Trabitius, konnte wohl einen Eierkuchen gut bereiten, aber bei dem Salat dazu fehlte schon ein brauchbares Öl; Das war in ganz Jena nicht zu haben. Es mutet uns seltsam an, wie knapp damals manche gute Speise war oder daß kleine Geschenke an Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst zwischen Jena und Weimar, zwischen Goethes, Schillers, Knebels und Anderen ausgetauscht wurden; daß sich in früherer Zeit Goethe und Charlotte v. Stein mit Küchengütern beschenkten, daß Goethe sogar die Herzogin Luise aus Italien mit Kaffeebohnen bedachte. Auch aus seinem eigenen Hause in Weimar klagte Goethe 1794, dem Laster gulositas könne er sich nicht ergeben, „indem wir uns höchstens an einem guten Schöpsenbraten und einer leidlichen Knackwurst versündigen können“; er sei aber unglaublich lüstern nach den Leckerbissen, die es in Hamburg gebe: geräuchertes Rindfleisch, Rinds- und Schweinszungen, geräucherte „Aele“ und andere wunderbare Fische, fremden Käse usw. Als nachher die große Gastfreundschaft sich in Goethes Hause entfaltete, da mußte mancher Brief nach Hamburg, Bremen und Frankfurt gesandt werden, damit es an guten Gerichten nicht fehle. Von Bremen kam der französische, spanische und portugiesische Wein und von Speisen: Heringe, Neunaugen, Dorsche, Butter in halben Zentnern, während der Freund, der diese Dinge besorgte, aus Thüringen nur Pflaumenmus, getrocknetes Obst und Schwämme erhielt. Von Frankfurt wurde der deutsche Wein und feines Gebäck bezogen, auch Weintrauben, Artischocken und dergl.; von Hamburg Schinken und Fische, und Freund Zelter schickte jedes Jahr aus Berlin Teltower Rübchen. Was Goethe am liebsten aß, ist zum Teil schon gesagt: Wildpret, Geflügel, z. B. kaltes Rebhuhn zum Zehn-Uhr-Frühstück, von Fischen die Ilmforelle, von Gemüsen Blumenkohl und Spargel. Wie wir Anderen, behielt er manche Speisen der Kindheit in freundlichem Gedächtnis. 1830 gab es bei ihm einmal Kohlsalat mit warmer Brühe. „Das ist ein echt Frankfurter Essen“ sagte Goethe, „wie es meine Mutter mir so häufig gemacht hat.“ In seinen Bittschreiben an Christiane verriet er auch Appetit auf recht gute französische Bouillon, auf Kalbsfüße in Gelee, die nicht gar zu sauer wäre, auf Froschkeulen, auf Schokolade, bei der er aber zu andern Zeiten befürchtet, daß die Fabrikanten allerlei Dunkles zusammenmischen. Aus Torten und süßem Gebäck machte er sich nichts; dagegen war er ein großer Freund von Obst. Als sein August 1808 in Heidelberg studierte, beglückwünschte er ihn zu den Genüssen der Obst- und Traubenhügel, und als er selber in Italien war, freute er sich nicht wenig über das reichlichere Obst. „Mein eigentliches Wohlleben ist in Früchten“ schreibt er aus Oberitalien an Charlotte v. Stein, „Feigen esse ich den ganzen Tag; Du kannst denken, daß die Birnen hier gut sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.“ Und in Rom war sein Abendbrot oft ein Pfund Trauben, das er auf der Straße aß.
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Vorsicht gegen den Wein
Als Goethe Student war, vertrödelte er manchen Tag mit Allotriis; er trank auch täglich Bier oder Wein, aber wenn ihm in Leipzig ein Merseburger Bier oder in Straßburg ein roter Wein schlecht bekam, so bemerkte er es auch und gab sie auf, und niemals trieb er mit dem Getränk und dem Zechen einen Kultus. Er gehörte keiner Gesellschaft an, die ihn zum Wirtshaustreiben nötigte. In Leipzig und Straßburg, wo er studierte, gab es kein Studentenleben. Ja, es ist uns aus seiner Jugend überhaupt kein Fall bekannt, wo er an einem Kommers nach studentischer Art teilgenommen hätte, und aus seinen späteren Jahren kennen wir einen einzigen solchen Abend, 1780, unter den Theaterfreunden, die oben auf Ettersburg spielten; der Präside war Franz v. Seckendorff.