Die Tafel im Goethe-Hause

Danach allerdings war es das allgemeine Zeugnis seiner Gäste, daß er eine recht gute Tafel führe. Einige erzählen, daß sie bei ihm neue Speisen vorgesetzt bekamen, mit denen sie noch nicht umzugehen wußten, z. B. Kaviar oder Artischocken; Andere bewunderten seine Geschicklichkeit im Zerlegen des Bratens oder Geflügels oder seine allgemeine Kochverständigkeit oder seinen vortrefflichen Appetit. „Auch frisset er entsetzlich“ schrieb der karikierende Jean Paul einem Freunde. „Auf den Küchenzettel, den er gewöhnlich selbst angab, hatte die Anwesenheit von Gästen besonderen Einfluß“ berichtet der Maler Ernst Förster 1821.

Es gab außer der Suppe gewöhnlich drei, höchstens vier Schüsseln: Fleisch mit Gemüse (er aß sehr gern ein nach italienischer Kochkunst bereitetes Stuffato), dann gab es Fisch (Forellen liebte er zumeist), Braten (zumeist Geflügel oder Wild) und, wie er erklärte: wegen der Damen, eine Mehlspeise (Karlsbader Strudl). Er selbst zog der süßen Speise ein Stück englischen oder Schweizer Käse vor.

„Es war ungemein splendid: Gänseleberpastete, Hasen und dergleichen Gerichte“ bezeugt schon 1809 der Sprachforscher Wilhelm Grimm, und ebenso wunderte sich 1828 dessen hessischer Landsmann, der Baumeister Johann Heinrich Wolff, über die vielen guten Gerichte und über Goethes Leistungsfähigkeit im Essen und Trinken. „Unter anderem verzehrte er eine ungeheure Portion Gänsebraten und trank eine ganze Flasche Rotwein dazu.“ Im selben Jahr imponierte er auf der Dornburg einigen Studenten, als er ihnen den Salat eigenhändig zubereitete und dabei versicherte, er habe selber einen neuen Salat aus eingemachten Gurken erfunden.

„Man aß nach damaliger Zeit gut, nach jetziger einfach“ erzählte Jenny v. Gustedt 1885, als sie sich an die Mahlzeiten in Goethes Hause erinnerte.

Erst in den letzten Jahren hatte er einen Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne Ottiliens [seiner Schwiegertochter] Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen Talente und sagte wohl scherzend: Ich hatte mir so eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans in’s Haus!

Dieser Übergang von einer untauglichen Köchin zu einem Koch, dem jungen Straube, steht in Goethes Tagebuch unter dem 10. Februar 1831 mit einem merkwürdigen Zusatze.

Vulpius[27] entließ die Köchin mit billiger Entschädigung. Von dieser Last befreit, konnt’ ich an bedeutende Arbeiten gehen; ich kann hoffen, die Epoche werde fruchtbringend sein.

So stark drückte der Vollender des ‚Faust‘ es aus, daß seine Leistung von einer guten Zubereitung der Speisen und von der hausväterlichen Zufriedenheit mit der Bewirtung der Gäste und Hausgenossen abhänge.

Aber wir dürfen die Rolle der Tafelfreuden in Goethes Leben nicht überschätzen: er entbehrte sie ebenso leicht, wie er sie gern genoß. Zu Mittag aß er auch deshalb stark, weil es fast die letzte Mahlzeit des langen Tages war. Denn Kaffee, auf den er von jungen Jahren an viel gescholten, bot er wohl den Gästen an, trank ihn aber nicht mit. Nur als Greis trank er frühmorgens Milchkaffee; in früheren Zeiten hatte er Wassersuppe oder Schokolade vorgezogen. Abends hatte er eine dem englischen Fünf-Uhr-Tee entsprechende leichte Mahlzeit; er nahm dann Wein und ein Franzbrot zu sich. Da der Tee zu stark auf ihn wirkte, trank er auch bei Schiller statt dessen Punsch, den er sich aus Arrak und einer Zitrone selber bereitete. Das war sein Abschluß; in späterer Stunde ließ er wohl für Riemer, Eckermann, oder wer sonst da war, decken; „er saß dabei, schenkte ein, putzte die Lichter und plauderte, rührte aber keinen Bissen an.“ Felix Mendelssohn hebt es 1821 als eine Merkwürdigkeit hervor, daß Goethe mit ihm zu Abend aß. Selbst wenn er eine Einladung für den Abend annahm, fügte er wohl hinzu: „Erlauben Sie zugleich mit gastlicher Freimütigkeit zu eröffnen, daß ich niemals gewohnt war, zur Nacht zu speisen.“ (So 1814 in Frankfurt an Simon Moritz v. Bethmann.)