„Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht“ meinte er ein andermal, „unsere Zustände sind viel zu künstlich und kompliziert ... Man sollte oft wünschen, auf einer der Südsee-Inseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack durchaus rein zu genießen.“
[22] An Trapp, 28. Juli 1770.
[23] Lichtenberg und Moses Mendelssohn waren bucklig, Schleiermacher leicht verwachsen.
[24] Eine Entelechie, ein Am-Ziele-sein, ist nach Aristoteles die Seele als dasjenige Hinzutretende, wodurch der Körper, der an sich nur die Fähigkeit, zu leben und zu empfinden, besitzt, wirklich lebt und empfindet, solange es mit ihm verbunden ist. Als Beispiel denke man sich eine Wasserleitung, die erst durch das hineinfließende Wasser Sinn und Vollständigkeit erlangt.
[25] Ich habe die letzten Seiten aus einem besonderen Grunde meinem Buche ‚Goethes Leben im Garten am Stern‘ entnommen. Über Goethes Leipziger und Frankfurter Krankheit ist von Medizinern und Philologen Verschiedenes gemutmaßt, da die vorliegenden Mitteilungen nicht eben sicher auf ein bestimmtes Leiden schließen lassen. B. Fränkel in Berlin hat in der ‚Zeitschrift für Tuberkulose‘ (1910) als „des jungen Goethe schwere Krankheit“: „Tuberkulose, keine Syphilis“ aufgestellt. Um nun zu zeigen, wodurch Goethe sein schweres Lungenleiden überwunden habe, druckte Fränkel die eben mitgeteilten Seiten aus meinem Buche, die ich ohne jeden Gedanken an solche Krankheit und Kur geschrieben, wörtlich ab und fügte hinzu: „Der aufmerksame Leser wird nicht verkennen, daß in dieser Abhärtungsmethode Goethes Grundzüge der modernen Phtisiotherapie enthalten sind, z. B. das Wohnen im Gartenhaus, das Arbeiten und Schlafen im Freien usw. Vielleicht haben wir es ihnen zu verdanken, daß uns die Tuberkulose nicht, wie Dies von Schiller bekannt ist, auch das kostbare Leben Goethes verkürzte. Jedenfalls erkannte und betätigte das gleichzeitig beobachtende und intuitive Ingenium Goethes die Prinzipien, mit denen jetzt die Empirie der Ärzte die Tuberkulose zu heilen sucht.“ – –
Wir können diese Gesundung Goethes noch heute mit Augen sehen, wenn wir seine Bildnisse nacheinander betrachten. Ich meine diese Reihenfolge: Relief von Melchior 1774 – Zeichnung von Lips nach dem verlorenen Relief eines Schülers von Nahl 1774 – Schattenrisse in Ayrers Sammlung – Vorder- und Seitenansicht von May 1779 – Juel 1779 – Büsten von Klauer – Angelika Kauffmann 1787/88 – Lips 1791 – Bury 1800 – Jagemann 1817. Hier in diesem Buche kann ich nur einige davon zeigen.
[26] Venetianische Epigramme 1799.
XII. Die Mahlzeiten und der Wein.
Goethe wuchs in einer Stadt auf, wo ein reichliches Essen an der Tagesordnung war: Frankfurt liegt in einem gesegneten Lande, und als ein Handels-Mittelpunkt hatte es die Mittel, seine Bürger auch mit den Erzeugnissen fremder Gegenden zu ernähren. Ob Wolfgang Goethe schon in seinen jungen Jahren im Essen und Trinken ein rechter Frankfurter war, wissen wir nicht. Als er im Sommer 1774 mit seinem Freunde Lavater reiste, fragte Dieser in den Wirtshäusern, wo man hielt, nach Himbeer-Essig, während Goethe überall sein Glas Wein trank, und als sie eines Morgens um Sieben zwischen Neuwied und Andernach in einem Kahne fuhren, vermerkte Lavater in seinem Tagebuche, Goethe verzehre jetzt schon sein Butterbrot „wie ein Wolf“ und sehe sich nach dem übrigen eingepackten Essen um. Im Übrigen ist uns ein starkes Essen oder Trinken Goethes, ein Wertlegen auf die Mahlzeiten erst nach seiner Heimkehr aus Italien, nach seiner Verbindung mit Christiane Vulpius bezeugt.