Die echten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch; er war ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die Krankheit und verstand sehr viel davon.

Ein wenig neigte er zu Dem, was wir jetzt als Naturheilmethode kennen; in einem Briefe aus Lauchstädt (1805) rühmt er zuerst „das auf Starkens Anraten“ gebrauchte „Tusch-Bad“ und das auf Reils Empfehlung genommene Eger-Wasser. Er fährt dann fort:

An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen; er beobachtete meine Übel vierzehn Tage, ohne ein Rezept zu verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte. Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen Gebrechen haben will und versichert, Das werde sich alles ohne großen medizinischen Aufwand wiederherstellen.

Schon vorher war ihm als Hauptkur das Reiten empfohlen, und er hatte selber bestätigt, daß es ihm gut gehe, solange er täglich reite. Ebenso wußte Goethe, daß in den Bädern, die er regelmäßig im Sommer besuchte, nicht nur von ihren Quellen heilende Kraft ausging, sondern mehr noch von dem erfrischenden, geselligen Leben in der Natur, von der größeren Vertraulichkeit und Unvorsichtigkeit im Umgange mit ihr. „Übrigens mutet man sich hier viel mehr zu als zu Hause“ heißt es in einem Karlsbader Briefe an Christiane.

Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.

Es ist kaum nötig zu sagen, daß er als alter Herr die jungen Leute zu frischer Betätigung ermunterte und ihre neuen Übungen mit Vergnügen sah. Der badische Forstmeister v. Drais erfand 1817 eine Laufmaschine, die aus zwei hintereinander angebrachten Rädern und einem darüber befestigten Sitzbalken bestand; man konnte darauf fahren, wenn man sie durch Laufen in Bewegung gesetzt hatte oder wenn es bergab ging; Goethe sah im Januar 1818 Jenaischen Studenten zu, die sich im „Paradiese“ an der Saale auf solchen Laufrädern versuchten. Wichtiger war das Turnen, das gleich nach den Befreiungskriegen aufkam. Goethe sprach 1817 einmal den jungen Krummacher an, des Parabeldichters Sohn, als Dieser mit der schwarz-rot-goldenen Mütze vom Turnplatze kam, und er sagte:

Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen jede Verweichlichung.

Es war ihm dann sehr schmerzlich, daß Turnen und Politik miteinander verquickt, daß deswegen die Turnanstalten von den Regierungen sehr eingeschränkt oder verboten wurden.

Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wiederherstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft.

Die gleiche Gesinnung hat Goethe in seinen alten Tagen oft ausgesprochen. Er schalt auf die Engbrüstigen und die Brillenträger. Die frischen jungen Engländer gefielen ihm viel besser als die jungen Deutschen. Er billigte es keineswegs, daß von den künftigen Beamten so viele theoretische Kenntnisse verlangt wurden, bei deren Aneignung die jungen Leute vor der Zeit körperlich und geistig geschwächt wurden. „Es fehlt ihnen die nötige geistige, wie körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist.“