In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.

Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,

Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten –

Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

Stehen und gehen

Daß er sich sehr gerade hielt, ist schon gesagt; die Schultern zog er straff zurück; oft empfahl er seine frühzeitig angenommene Gewohnheit, die Hände hinter dem Rücken zu vereinigen. Riemer berichtet, August Goethe habe nach Lehre und Vorbild des Vaters eine solche Haltung und Ausbildung des Körpers und besonders eine solche Breite und Ausbildung der Brust gewonnen, daß er den antiken Musterbildern eines Antonius oder Meleager gleich erschien und daß seine sonore Stimme den größten gefüllten Raum leicht durchdringen konnte.

Es hat kaum einen Geistesarbeiter gegeben, der so wenig gesessen hat wie Goethe. Selbst im Zimmer saß er sehr wenig. Auch wenn er Gäste hatte, wußte er es einzurichten, daß sie bald in’s Stehen und Gehen kamen; er ging mit ihnen im Garten auf und ab oder stand mit ihnen in einer Fensternische oder im Zimmer vor seinen Kunstschätzen. Und ebenso brachte er seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten, seinen Briefwechsel usw. im Stehen und Gehen fertig, da ihm das Diktieren so sehr zur Natur geworden war wie uns Andern das Schreiben. Schon 1780 bemerkte er: „Was ich Guts finde an Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehn; sitzend bin ich zu nichts aufgelegt“ und beschloß, „darum das Diktieren weiter zu treiben.“ Auch die Hände konnte er schwer ruhig halten, darin im Alter noch den Knaben gleich. Er zog entweder das zusammengedrehte Taschentuch durch die Hand, oder drehte ein Papierstreifchen, oder knüpfte an Bindfäden, oder hantierte mit der Lichtputzschere. War er bei Frau Schopenhauer oder in Jena bei Frommanns oder Knebels in Gesellschaft geladen, so stellte man ihm einen Tisch mit Zeichengelegenheit hin, und oft begleitete er die Erzählung oder Vorlesung eines Andern mit raschen zugehörigen Bildern.

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Ärzte, Radfahrer, Turner

Soviel Goethe auch den menschlichen Körper studierte, so hütete er sich doch, in die Aufgaben des Arztes einzugreifen. Zwar schrieb er einmal an Meyer: „Man ist übel daran, daß man den Ärzten nicht recht vertraut und doch ohne sie sich gar nicht zu helfen weiß.“ Aber er lobte doch seine Ärzte gern. Der Satz, daß die Ärzte unseres Lebens Dauer um keinen Tag verlängern können, gehörte zu seinem religiösen Glauben; „wir leben, so lange es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer Unterschied, ob wir jämmerlich wie arme Hunde leben, oder wohl und frisch, und darauf vermag ein kluger Arzt viel.“ So sprach er 1827, und drei Jahre später, als er sich beständig wohl befand: „Daß ich mich jetzt so gut halte, verdanke ich Vogel; Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen.“ Dr. Vogel aber erzählte von ihm: