Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ (Mundus subterraneus) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest erhalten hat.
Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher nackter Krakatau-Fels gewesen, — einmal damals, als zum ersten Male die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.
Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.
Wann aber war das?
Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen zwanzig Jahren noch lange nicht.
Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?
In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, — über Chronologie in der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.
Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden wieder entschieden daran.
Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige, die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt, sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen ein Weltmeer.
Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner „Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit einem Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll leichtsinnigster Verwegenheit hält; — und des modernen Naturforschers, dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder darin steckt, daß er noch zu kurze Zeitmaße ansetzt.