Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist denn auch für uns manches zu sagen.

Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an Handlung und Verwickelung erscheinen.

Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge zu klein gesehen.

Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel, die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde, auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell des Erdenhauses nicht auslangen wollte.

Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut. Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher (das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer. Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus, — als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.

Und doch merkte man etwas.

Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt, in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere losschält.

Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten, bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses Gesteins.

Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen, ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander folgender Zeitperioden.

Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte: jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst, lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.