Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde. Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!

Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor, ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).

Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war, so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.

Buffon schloß aber noch weiter.

Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.

Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das bedeutete aber Vereisung, — endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze, Tier und Mensch begrabend.

Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben, auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.

Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau. Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr ähnlich sind.“

Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den hergebrachten Zahlen der Bibel.

Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das Ganze, — Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn — endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV. und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.