Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten, nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire, Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz. Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so, daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er war der erste.

Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.

Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen, den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.

Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.

Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?

Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes Experiment.

Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.

Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau 74832 Jahre.

In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß unsere Haut Brandblasen bekam.

Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor genau 40062 Jahren geschehen sein.