Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit immer wieder.

Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein großes Bild wirklich da sein konnte.

Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge, die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute — und doch waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden, die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.

Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung und organische Kalkproduktion des Planeten.

Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang des Jahrhunderts.

Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner, erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf formulierte) Grundströmung suchen.

Goethe ist das beste Beispiel bei uns.

Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.

Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach Art, wie heute sich etwas ablagert.

Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“ auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender Wirkungen.