Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester Besitz unserer Wissenschaft ist, — es war aber just ein Sinn aus jenem weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis. Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen seien, versetzte ihn in Entzücken, — es war gerade, was er brauchen konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich. Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren, unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.

Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im „Faust“ sprach:

„Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen

Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“

Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war. Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der Wahrheit.

Was aber lehrte Hoff?

Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.

Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.

Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.

Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.