Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten. Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der Rinde unterscheiden gelehrt.

Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf eine tötende Katastrophe.

Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen Auffassung, sondern um eine Arabeske.

Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf, nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen. Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den Ichthyosauriern trennen könnten.

Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte, auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten. Das jähe, aus keiner Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz, aufzuhäufen.

Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.

Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen. Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen, Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch „riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus im Roman.

Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach: er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig schnell wieder zusammen.

Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der Hoff, den Goethe begrüßte.

Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem Abendrot, trat dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich einstürzt.