Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.

Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand. Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18. unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.

Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, — eine auch schon früher geahnte.

Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher, die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von Lyells Geologie.

Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken. Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit — und das Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.

Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war, wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben sein. Wir hatten das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten Resten lag, während es in früheren fehlte, — das hatte sich auf natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.

So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist, sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.

Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie langte.

Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.

Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.