Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon in die Hände arbeiten. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.

Man sieht, was das bedeutet.

Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur in etwas entlastet durch die innere.

Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse die Anpassung schafft.

In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.

Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern, mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm widerspricht.

Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem zuletzt empfinden muß: man kommt auf die Urfragen.

Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist, Zweck, Zeit, Kausalität?

Und er meint, wir müssen da ewig resignieren.

Muß es nicht so sein? fragt er.