Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden, der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit — er war ausübender Künstler von Beruf — widmete und schließlich die Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte gewonnen werden können.
Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will — der Name tut ja nichts zur Sache — war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war eine entsprechend erschöpfende.
Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.
Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose zu bestätigen.
Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“ hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.
Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war, selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften, einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden, ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.
Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr Dinge“ sich ereignen würden.
Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.
Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich der Flasche ergeben haben.
Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.