Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten, — dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.
Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem die den Fechner heute wieder suchen, — nun die ihn eben suchen.
Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.
Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie — und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“ zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle, von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist, ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, — ein Denkerkopf, den „wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.
Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.
Aber es ist genau ebenso eine Gesamtstimmung.
Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil auf, wie es in dem Spruche heißt: „Nemo contra Deum, nisi Deus ipse.“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter, die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.
Optimismus sucht unsere Zeit.
Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der antiquarische Buchname Fechner, — wie Pessimismus ein ander Ding war als der mystische Wille und Schopenhauer.
Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum auch kommt sie auf Fechner zurück.