Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese Nachtansicht der Natur.

Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam, lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, — so wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann. Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler, ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.

Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses Spiegelplättchen.

Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren im Faust die Szene mit dem Erdgeist.

In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß, daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel, das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne uns.

Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben, auf das es starrt, — unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und damit aktiv in der Welt zu bleiben, — anstatt sich dort dauernd zum hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur, die ihn innerlich nichts angeht.

Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.

Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in der Natur-Idee.

Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.

Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu definieren, wie nur irgend denkbar.