Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.
Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.
In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom „Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende, raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.
Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.
Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.
Vor dem Begriff des Erlebnisses.
Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt — ganz genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.
Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.
Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker allein.
Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.