Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas Pathologisches.

Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des Wahnsinns!

Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.

Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.

Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der „Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt worden.

Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!

Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete: er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.

Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen, ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.

Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.

Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.