Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) — wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen, vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?
Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den ersten Holzschnitt des Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude ist — oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.
In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat, kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.
Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein Tintenfisch.
Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.
Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise nachzusprechen, — er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen, jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk, ein Mischwesen aus nachahmender Zoologie und selbstherrlich schaffender Schönheitsschau geworden.
Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.
Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich, daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa, in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.
Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs. Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.
Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen, aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla, entwickelt.